Tag: Gedicht


du rennst voraus
über den nassen strand
dort wo die wellen
ihre weißen ränder
in den sand schreiben
und gleich wieder verwischen
ich hinterher
mit salz auf den lippen
und einer muschel im schuh
die du selbstverständlich
für einen glücksbringer hältst
der wind zupft an deiner jacke
die gischt spritzt bis an die knie
und irgendwo draußen
schaukelt ein kutter
auf den dunklen wellen
wir bleiben kurz stehen
weil das meer heute
so blau ist
dass man fast hineinfallen möchte
dann findet sich
zwischen unseren füßen
ein stück treibholz
und du erklärst mir
dass es aussieht
wie ein ziemlich schlecht gelaunter wal
ich widerspreche
natürlich
wir lachen
eine möwe klaut dir beinahe
dein brötchen
und plötzlich ist es wieder da:
dieses kindliche
unvernünftige
herrliche glück
wir springen über die pfützen
rennen den brechenden wellen davon
sammeln drei gleiche steine
und behaupten
sie seien selten
der leuchtturm dreht sein licht
über den abend
die bojen klingeln draußen
und der horizont
zieht langsam seine blaue Decke
über das wasser
und dann jagen wir möwen hinterher
barfuß
mit nassen hosen
und viel zu großen lachen
bis wir beide
keinen schritt mehr können
und liegen bleiben
mit dem kopf im sand
und dem meer im ohr
und du sagst:
morgen wieder?
als gäbe es überhaupt
eine andere antwort.
~*~
© Anne Seltmann


Anne Seltmann 02.09.2026, 08.14 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Vielleicht führt dein Weg
von der anderen Seite
des Berges herauf.
Meiner auch.
Wir wissen nichts voneinander,
während wir steigen.
Nur, dass irgendwo dort oben
der Himmel weiter wird.
Du trägst deine Jahre
wie Steine in den Taschen.
Ich meine
in den Händen.
Manchmal bleiben wir stehen,
um Atem zu holen,
und sehen zurück
auf das, was hinter uns liegt.
Die Täler.
Die Umwege.
Die Menschen,
die kamen und gingen.
Und keiner von uns weiß,
dass der andere
zur selben Zeit
weitergeht.
Bis wir uns
oben begegnen.
Kein großes Zeichen.
Kein Donner.
Kein Wunder,
das sich ankündigt.
Nur dein Blick.
Meiner.
Und plötzlich
ist da dieses leise Wissen:
Wir mussten
all diese Wege gehen,
damit genau dieser
uns zusammenführt.
Unter uns
liegen die Jahre.
Über uns
nur Himmel.
Und zwischen uns
ein Schweigen,
das nichts mehr erklären muss.
Vielleicht sagst du:
Da bist du ja.
Und ich antworte:
Ich weiß.
Ich habe
auf diesem Berg
schon lange
auf dich gewartet.
~*~
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 14.08.2026, 08.45 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


sie waren
vielleicht
gar nicht
die lautesten
nicht
die mit den
größten plänen
oder
den weitesten reisen
vielleicht
waren es
die morgen
an denen
der kaffee
genug war
ein gespräch
das länger
blieb
als der tag
eine hand
die
nicht
festhielt
und doch
nicht losließ
wir suchen
die besten
jahre
oft
im rückspiegel
dabei
sitzen sie
manchmal
barfuß
auf der terrasse
und zählen
schwalben
oder
sie stehen
mit nassen haaren
im regen
und lachen
ohne
einen grund
vielleicht
erkennen wir
sie
erst später
wenn wir
merken
dass wir
mitten in ihnen
gelebt haben

Anne Seltmann 02.07.2026, 13.39 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL



Anne Seltmann 23.06.2026, 14.04 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL



Anne Seltmann 20.06.2026, 08.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Anne Seltmann 07.06.2026, 17.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL



Anne Seltmann 05.06.2026, 06.15 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


flieg
kleiner schmetterling
durch die ränder des tages
wo das licht
nicht entscheidet
ob es bleiben will
deine bewegung
ein tastendes schreiben
in die luft
kein plan
nur richtung
die sich beim fliegen ergibt
du streifst
an dingen vorbei
die namen haben
und lässt sie
unberührt zurück
so le icht
dass selbst der wind
dich kaum festhalten kann
flieg
bis auch das sehen
dich verliert
und nur noch
ein leises
vielleicht
übrig bleibt

Anne Seltmann 07.05.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


Morgennebel
die dinge
treten zurück
als wollten sie
sich selbst
nicht stören
ein tropfen
hält kurz
am rand
zögert
oder erinnert sich
dann
gleitet er
nicht nach unten
eher
aus der form
in die stille des windes
die nichts sagt
und doch
alles trägt
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 01.05.2026, 06.00 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


die pusteblume
hält ihre zerbrechlichkeit
offen
kein festhalten
nur fäden
die sich erinnern
wie leicht etwas wird
an jeder spitze
ein tropfen
als hätte der morgen
sich verfangen
sie wartet nicht
auf wind
sie ist schon
im gehen
nur noch
nicht ganz
und du
siehst ihr zu
wie etwas bleibt
indem es sich löst
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 23.04.2026, 05.55 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL