Blogeinträge (themensortiert)

Thema: AutorenPerlen

Herbst - Kurt Tuchholzky




Eines Morgens riechst du den Herbst.

Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig;

es hat sich eigentlich gar nichts geändert- und doch alles!

 

~*~

Kurt Tucholsky




Anne Seltmann 26.09.2021, 15.30 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die Weidenkätzchen




Kätzchen, ihr, der Weide,

wie aus grauer Seide,

wie aus grauem Samt!

O ihr Silberkätzchen,

sagt mir doch, ihr Schätzchen,

sagt, woher ihr stammt.

"Wollen's gern dir sagen:

Wir sind ausgeschlagen

aus dem Weidenbaum;

haben winterüber

drin geschlafen, Lieber,

in tieftiefem Traum."

In dem dürren Baume

in tieftiefem Traume

habt geschlafen ihr?

In dem Holz, dem harten,

war, ihr weichen, zarten,

euer Nachtquartier?


"Mußt dich recht besinnen:

Was da träumte drinnen,

waren wir noch nicht,

wie wir jetzt im Kleide

blühn von Samt und Seide

hell im Sonnenlicht.


Nur als wie Gedanken

lagen wir im schlanken

grauen Baumgeäst;

unsichtbare Geister,

die der Weltbaumeister

dort verweilen lässt."


Kätzchen, ihr, der Weide,

wie aus grauer Seide,

wie aus grauem Samt!

O ihr Silberkätzchen,

ja, nun weiß, ihr Schätzchen,

ich, woher ihr stammt!

 

~*~


Christian Morgenstern




Anne Seltmann 11.09.2021, 09.36 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Seepferdchen






Als ich noch ein Seepferdchen war,

im vorigen Leben.

Wie war das wonnig, wunderbar

unter Wasser zu schweben.

In den träumenden Fluten

wogte, wie Güte, das Haar.

Der zierlichsten aller Seestuten,

die meine Geliebte war.

Wir senkten uns still oder stiegen,

tanzten harmonisch um einand,

Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,

wie Wolken sich in Wolken wiegen.

Sie spielte manchmal graziöses Entfliehen,

auf daß ich ihr folge, sie hasche,

und legte mir einmal im Ansichziehn

Eierchen in die Tasche.

Sie blickte traurig und stellte sich froh,

Schnappte nach einem Wasserfloh

und ringelte sich

an einem Stengelchen fest und sprach so:

Ich Hebe dich!

Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,

Du trägst ein farbloses Panzerkleid

und hast ein bekümmertes altes Gesicht,

als wüsstest du um kommendes Leid.

Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß!

Wann war wohl das?

Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen?

Es ist beinahe so, dass ich weine –

Lollo hat das vertrocknete, kleine

schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.

 

 ~*~

 

Joachim Ringelnatz






Anne Seltmann 06.03.2021, 15.15 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Glück







Wo immer das Glück sich aufhält -
hoffe, ebenfalls dort zu sein.
Wo immer jemand freundlich lächelt,
hoffe, dass sein Lächeln Dir gilt.
Wo immer die Sonne aus den Wolken hervorbricht,
hoffe, dass sie besonders für Dich scheint.
Damit jeder Tag Deines Lebens so hell wie nur möglich sei.


~*~

Irischer Segenswunsch



Anne Seltmann 31.12.2020, 11.03 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Geschichte eines Pfefferkuchenmannes




Es war einmal ein Pfefferkuchenmann,
von Wuchse, groß und mächtig,
und was seinen inneren Wert betraf,
so sagte der Bäcker: "Prächtig".

Auf dieses glänzende Zeugnis hin
erstand ihn der Onkel Heller
und stellte ihn seinem Patenkind,
dem Fritz, auf den Weihnachtsteller.

Doch kaum war mit dem Pfefferkuchenmann
der Fritz ins Gespräch gekommen,
da hatte er schon – aus Höflichkeit –
die Mütze ihm abgenommen.

Als schlafen ging der Pfefferkuchenmann,
da bog er sich krumm vor Schmerze:
an der linken Seite fehlte fast ganz
sein stolzes Rosinenherze!

Als Fritz tags drauf den Pfefferkuchenmann,
besuchte, ganz früh und alleine,
da fehlten, o Schreck, dem armen Kerl
ein Arm schon und beide Beine!

Und wo einst saß am Pfefferkuchenmann
die mächtige Habichtsnase,
da war ein Loch! Und er weinte still
eine bräunliche Sirupblase.

Von nun an nahm der Pfefferkuchenmann
ein reißendes, schreckliches Ende:
Das letzte Stückchen kam schließlich durch Tausch
in Schwester Margeretchens Hände.

Die kochte als sorgfältige Hausfrau draus
für ihre hungrige Puppe
auf ihrem neuen Spiritusherd
eine kräftige, leckere Suppe.

Und das geschah dem Pfefferkuchenmann,
den einst so viele bewundert
in seiner Schönheit bei Bäcker Schmidt,
im Jahre neunzehnhundert.


~*~

Paul Richter



Anne Seltmann 25.12.2020, 09.49 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Weihnachten ist`s...





Das ist der liebe Weihnachtsbaum.

Ja solch ein Baum!

Der grünt bei Schnee, der glänzt bei Nacht

wie die himmlische Pracht,

trägt alle Jahre seine Last,

Äpfel und Nüsse am selben Ast,

Zuckerwerk obendrein -

so müssten alle Bäume sein!

Nun hat ihn gebracht der Weihnachtsmann,

drei Kinder steh'n und seh'n ihn an.

 

Das erste spricht:

"Der ist doch Weihnacht das Schönste, nicht?"

Das andre: "Woher an Äpfeln und Nüssen

Gold und Silber wohl kommen müssen?

Ich denk mir, das Christkind fasste sie an,

gleich war Gold oder Silber dran."

Das dritte: "Christkind müsste einmal

den ganzen Wald so putzen im Tal;

dann würde gleich aller Schnee zergeh'n,

und dann - das gäb ein Spazierengeh'n!"

 

~*~

 


Victor Blüthgen







[Anmerkung: Das ist ein Baum aus dem Supermarkt.
Ich habe in diesem Jahr keinen Tannenbaum aufgestellt]

Anne Seltmann 24.12.2020, 06.32 | (8/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die singende Muschel







Als Kind sang eine Muschel

mir das Meer.

Ich konnte träumelang

an ihrem kühlen Munde lauschen.

 

Und meine Sehnsucht wuchs

und blühte schwer,

und stellte Wünsche und Gestalten

in das ferne Rauschen.


~*~

Francisca Stoecklin

1894 - 1931





12.12.2020, 17.29 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Kinderlied





Kinderlied

 

Ich und du und du und du,

 

Zwei mal zwei ist viere,

 

Tragen Kränze auf dem Kopf,

 

Kränze aus Papiere

 

Rechts herum und links herum,

 

Röck und Zöpfe fliegen,

 

Wenn wir alle schwindlich sind,

 

Falln wir um und liegen,

 

Purzelpatsch, wir liegen da,

 

Patschelpurz, im Grase:

 

Wer die längste Nase hat,

 

Der fällt auf die Nase.

 

~*~


Otto Julius Bierbaum




Anne Seltmann 26.03.2020, 17.11 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Regentag







Der Regen fällt. In den Tropfentanz

Starr ich hinaus, versunken ganz

In allerlei trübe Gedanken. Mir ist,

Als hätt' es geregnet zu jeder Frist,

Und alles, so lange ich denken kann,

Trüb, grau und nass in einander rann,

Als hätte es nie eine Sonne gegeben,

Als wäre nur immer das ganze Leben,

Die Jahre, die Tage, die Stunden all,

Ein trüber, hastiger Tropfenfall.

 

 ~*~


Gustav Falke




Anne Seltmann 13.10.2019, 09.39 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Die Schaukel



Foto & Bildbearbeitung © Anne Seltmann




DIE SCHAUKEL

Wie schön sich zu wiegen,
Die Luft zu durchfliegen
Am blühenden Baum!
Bald vorwärts vorüber,
Bald rückwärts hinüber, –
Es ist wie ein Traum!

Die Ohren, sie brausen,
Die Haare, sie sausen
Und wehen hintan!
Ich schwebe und steige
Bis hoch in die Zweige
Des Baumes hinan.

Wie Vögel sich wiegen,
Sich schwingen und fliegen
Im luftigen Hauch:
Bald hin und bald wieder,
Hinauf und hernieder,
So fliege ich auch!


~*~


Heinrich Seidel


Anne Seltmann 02.02.2019, 11.31 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

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