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Thema: EigeneWortPerlen

Der wilde Garten



[Schade, dass ich keinen Garten habe]





sie kommen
ohne einladung

zwischen pflastersteinen
am zaun
am rand
der ordentlichen beete

als hätten sie
nie gelernt
wofür grenzen
gedacht sind

der löwenzahn
fragt nicht
ob er erwünscht ist

er öffnet
einfach
sein gelb
zur sonne

die margerite
kennt keine
gartenordnung

sie blüht
wo der wind
ihr einen platz
gelassen hat

und die wilde malve
hat noch nie
einen katalog
gelesen

sie weiß nichts
von plänen
nichts von vorgaben

nur

wie man wächst

wir nennen sie
unkraut

als wäre wachsen
ein fehler

als müsste
jede blüte
einen zweck
erfüllen

dabei
sind sie längst
beschäftigt

mit summenden bienen

mit schmetterlingen

mit dem sommer

und mit all dem
was wir
leicht übersehen

vielleicht
liegt der irrtum
nicht bei ihnen

sondern bei uns

die wir glauben
die natur
müsse sich
erklären

während sie
einfach blühen

~*~

© Anne Seltmann




Anne Seltmann 23.06.2026, 14.04 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Lieber Papa!


[Bild mit Photoshop bearbeitet / Text © Anne Seltmann]



ich rechne
nicht oft
in jahren


und doch
kommt dieser tag
verlässlich zurück


wie die schwalben
wie der mohn
wie der erste frost


vierunddreißigmal
ist er gekommen

ohne dich


und noch immer
bleibt für einen augenblick
alles stehen

als müsse die zeit
selbst
nach dir suchen

im november
wärst du
einhundertvierzehn geworden

eine zahl
größer
als meine vorstellung

größer vielleicht
als die strecke
die zwischen uns liegt

ich sehe dich nicht
ich höre dich nicht


und dennoch
gibt es tage
an denen du
durch einen gedanken gehst
durch eine erinnerung
durch ein altes wort


als hättest du
den raum
nie ganz verlassen


dann sitze ich da
und staune
wie jemand
so lange fort sein kann
und dennoch
nicht verschwindet

~*~

© Anne Seltmann





Anne Seltmann 20.06.2026, 08.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Vergänglichkeit


[Bild KI generiert / Zitat © Anne Seltmann ]






Vergänglichkeit 

Zwischen Blühen und Verwehen liegt eine ganze Welt

~*~

© Anne Seltmann



Anne Seltmann 07.06.2026, 17.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Meerblau






manche farben
sieht man
und vergisst sie wieder

blau gehört nicht dazu

es bleibt
wie der geruch von salz
in einer jacke
nach einem tag am wasser

ich kenne dieses blau
seit ich denken kann

es lag über den wellen
über meinen kindertagen
über fragen
auf die niemand antworten musste

manchmal
sitzt es still
am rand der welt

dort
wo der horizont beginnt
und aufhört

blau erzählt
nicht von eilenden schritten
nicht von lärm
nicht von wichtigkeit

blau erzählt
vom bleiben
vom wind
der kommt
und weiterzieht

vom meer
das niemals dasselbe ist
und doch immer
meer bleibt

wenn ich an zuhause denke
denke ich nicht an mauern
nicht an straßen
nicht an eine adresse

ich denke
an dieses blau
an die weite
die mich klein macht
ohne mich zu verlieren
und an den himmel
der jeden tag
neu beginnt.

~*~

© Anne Seltmann



 


 




Anne Seltmann 05.06.2026, 06.15 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Ihr drei...

[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




ihr seid nicht einfach Kinder

ihr seid dieses plötzliche Licht

das durch halb offene Türen fällt

und selbst den staubigsten Tag 

in Gold verwandelt.

 

Die beiden Enkelbuben

mit Taschen voller Kiesel, Fragen, Unfug,

mit Knien voller Himmel und Erde,

mit Stimmen, die durchs Haus springen

wie junge Hunde.

 

Und mittendrin sie—

mein einziges Enkelmädchen,

zart und wild zugleich,

mit Augen, in denen ganze Sommer wohnen,

mit Händen, die sammeln, streicheln, festhalten,

als könnte Liebe niemals verloren gehen.

 

Ihr kommt herein

und alles wird beweglich.

Die Luft.

Die Zeit.

Mein Herz sowieso.

 

Ich sehe euch an

und begreife,

dass Glück nichts Großes sein muss.

 

Es reicht,

wenn einer von euch „Oma! ruft

aus irgendeinem Zimmer heraus.

 

Dann steht die Welt

für einen Moment still

und atmet.

 

Mit euch.

 

Und manchmal,

wenn ihr längst wieder fort seid,

liegt noch etwas von euch im Raum:

ein Lachen auf dem Sofa,

ein Brotkrümel auf dem Tisch,

ein vergessenes Spielzeugtier.

 

Dann denke ich:

So fühlt sich Reichtum an.

 

Nicht in Dingen.

Nicht in Worten.

Sondern in euch drei kleinen Menschen,

die aus meinem Leben

einen wärmeren Ort machen

~*~

© Anne Seltmann






19.05.2026, 06.52 | (3/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der sanfte Riese des Meeres


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Der große Wal glitt langsam durch das tiefe Blau des Meeres, ruhig und majestätisch, als trüge er die Gelassenheit aller Ozeane in sich. Um ihn herum wirbelten unzählige kleine Goldfische wie flüssiges Sonnenlicht durchs Wasser. Sie tanzten um den stillen Giganten, neugierig, verspielt und ohne Angst.

Der Wal schien ihre hastigen Bewegungen kaum wahrzunehmen. Mit jedem langsamen Schlag seiner mächtigen Fluke zog er weiter durch das endlose Blau, als kenne er Wege, die älter waren als jeder Sturm und tiefer als jede Erinnerung. Auf seinem Rücken glitten silberne Lichtreflexe wie wandernde Wolken über dunkles Gestein.

Die Goldfische dagegen waren reine Unruhe. Mal schossen sie wie goldene Pfeile auseinander, mal sammelten sie sich zu leuchtenden Schwärmen, die im Sonnenlicht funkelten wie verstreute Münzen auf dem Meeresgrund. Einige wagten sich dicht an das Auge des Wals heran, als wollten sie herausfinden, welche Geheimnisse sich darin verbargen.

Doch in diesem Auge lag keine Bedrohung. Nur Ruhe. Eine uralte, beinahe traurige Ruhe, wie sie nur Wesen kennen, die seit Jahrhunderten die Ozeane durchwandern.

Manchmal öffnete der Wal langsam sein riesiges Maul und ließ gewaltige Wasserströme an sich vorbeiziehen. Die kleinen Goldfische flohen dann erschrocken auseinander, kehrten aber kurz darauf wieder zurück, als hätten sie verstanden, dass dieser sanfte Riese keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte.

Über ihnen brach das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche und verwandelte das Meer in eine schimmernde Welt aus Blau, Türkis und Gold. Es war, als hätte die Stille selbst begonnen zu leuchten.

Und während der Wal weiter durch die Tiefe zog, folgten ihm die kleinen Goldfische wie tanzende Gedanken…leicht, flüchtig und voller Leben.



© Anne Seltmann





Anne Seltmann 08.05.2026, 10.07 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Flieg, kleiner Schmetterling








flieg
kleiner schmetterling
durch die ränder des tages

 

wo das licht
nicht entscheidet
ob es bleiben will

 

deine bewegung
ein tastendes schreiben
in die luft

 

kein plan
nur richtung
die sich beim fliegen ergibt

 

du streifst
an dingen vorbei
die namen haben

 

und lässt sie
unberührt zurück

 

so le icht
dass selbst der wind
dich kaum festhalten kann

 

flieg

bis auch das sehen
dich verliert

 

und nur noch
ein leises
vielleicht
übrig bleibt


~*~

© Anne Seltmann











Anne Seltmann 07.05.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Juna und der Orca



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



Juna hatte schon immer das Gefühl, dass das Meer sie kannte.

Nicht nur mochte.

Nicht nur duldete.

Nein – es kannte sie, wie man einen Namen kennt, der einem einmal wichtig war.

Jeden Abend ging sie an den Steg, setzte sich und sprach mit den Wellen, als könnten sie antworten.

„Wenn du Geheimnisse hast, sagte sie zum Meer,

„dann darfst du sie mir erzählen.

Eines Abends war das Wasser ungewöhnlich still.

Der Wind hatte aufgehört, an den Dünen zu zupfen, und selbst die Möwen schienen zu lauschen.

Dann brach etwas Dunkles durch die Oberfläche.

Ein Rücken, schwarz wie Mitternacht.

Eine Flosse, hoch und glänzend.

Ein Orca.

Juna hielt den Atem an.

Der Orca kam näher, langsam, lautlos, bis seine Augen sie fanden – tief, klug, beinahe menschlich.

„Du hast lange genug gefragt, sagte eine Stimme.

Juna sah sich um.

Niemand war da.

„Hier, sagte die Stimme wieder, warm wie tiefer Donner.

Der Orca neigte den Kopf.

„Manchmal antwortet das Meer.

Juna trat bis zu den Knöcheln ins Wasser.

„Kannst du sprechen?

„Nur mit denen, die zuhören können.

Von diesem Abend an kam der Orca jede Nacht.

Er erzählte ihr von Städten aus Korallen unter dem Meer,

von Schiffen, die auf dem Grund schlafen,

von Walen, die Lieder kennen, älter als jede Sprache.

Und Juna erzählte ihm von der Welt an Land:

von Vögeln, die im Regen baden,

von Apfelkuchen,

und davon, wie sich Einsamkeit manchmal anfühlt.

 

„Die Menschen glauben oft, sagte der Orca eines Nachts,

„dass sie allein sind mit dem, was sie fühlen.

Dabei trägt jedes Wesen seine eigene Tiefe.

Juna legte die Hand auf seine nasse Stirn.

„Wirst du immer kommen?

Der Orca schwieg lange.

Dann sagte er:

„Nichts, was magisch ist, bleibt für immer.

Aber manches bleibt lange genug, um ein Herz zu verändern.

 

Und eines Morgens war das Meer wieder nur Meer.

Der Orca kam nicht mehr.

Doch wann immer Juna später Angst hatte,

oder sich klein fühlte in einer lauten Welt,

ging sie an den Strand.

Und irgendwo weit draußen

hob sich manchmal eine schwarze Flosse

für einen einzigen Augenblick

aus den Wellen.

Nur damit sie wusste:

 

Manche Freundschaften

verschwinden nicht.

Sie lernen nur, aus der Ferne zu leuchten.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 16.37 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Pina Teil II ...


Die Reise der verlorenen Wünsche


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



In der folgenden Nacht konnte Pina nicht schlafen.

Der Mond lag wie ein silbernes Versprechen über der Wiese, und etwas zog an ihr – leise, kaum spürbar, aber doch unübersehbar. Es war, als würde der Wind ihren Namen kennen.

„Pina…

Sie setzte sich auf, lauschte.

Da war es wieder. Kein Geräusch, kein Wort – eher ein Gefühl. Ein Ziehen in ihrem Herzen, leicht wie ein Hauch.

Sie flog los.

Über Gräser, die im Mondlicht schimmerten, über Blüten, die sich längst geschlossen hatten. Und dann sah sie sie.

Die Samen der Pusteblume.

Doch sie tanzten nicht mehr frei im Wind. Einige hingen schwer in der Luft, als hätten sie sich verirrt. Andere lagen still im Gras, als hätten sie ihren Weg verloren.

Pina flog näher.

„Was ist mit euch geschehen?, fragte sie leise.

Ein kaum hörbares Flüstern antwortete:
„Die Wünsche… wurden nicht zu Ende gedacht.

Pina runzelte die Stirn. „Was bedeutet das?

„Manche Wünsche, wisperte ein Samen, „werden begonnen… aber nicht geglaubt.

Die kleine Elfe spürte, wie etwas in ihr still wurde.

Sie streckte vorsichtig ihre Hand aus und berührte einen der Samen.

Augenblicklich sah sie Bilder.

Ein Kind, das sich etwas wünschte – und dann vergaß.
Ein Mensch, der hoffte – und dann zweifelte.
Ein Traum, der begann – und nicht weiterging.

Pina zog die Hand zurück.

„Können sie ihren Weg nicht allein finden?

„Nur, wenn jemand ihnen hilft, wieder leicht zu werden.

Die Elfe sah in den Himmel. Der Mond schwieg, aber sein Licht schien heller zu werden.

„Dann…, sagte Pina langsam, „bleibe ich bei euch.

Sie setzte sich ins Gras und begann, ganz leise, die Wünsche weiterzudenken.

Für jeden Samen ein kleines bisschen Hoffnung.
Für jeden Traum ein Stück Vertrauen.

Und nach und nach begannen die Samen wieder zu leuchten.

Erst schwach.
Dann stärker.

Einer nach dem anderen hob sich in die Luft, als hätten sie sich erinnert, wie man fliegt.

Pina lächelte.

„Geht nur, flüsterte sie. „Die Welt wartet auf euch.

Und als der erste Morgenhauch über die Wiese strich, war kein einziger verlorener Wunsch mehr zurückgeblieben.

Nur Pina saß noch da.

Und diesmal wusste sie ganz sicher:
Zauber war nicht nur etwas, das man findet.

Manchmal war er etwas,
das man weiterträgt.


 © Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 06.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Pina Teil I ...

und das Geheimnis der fliegenden Wünsche



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Auf einer stillen Wiese, dort wo der Wind nur flüstert und das Licht sich in den Halmen verfängt, lebte eine kleine Elfe namens Pina. 

Sie war neugierig, flink und kannte jede Blume beim Namen – dachte sie zumindest.

Eines Morgens blieb sie verwundert stehen.

Vor ihr wuchs eine Pflanze, die sie so noch nie beachtet hatte. Ein dünner Stängel, darauf eine runde, weiße Kugel, so leicht, dass sie bei jedem Hauch zu zittern schien.

„Was bist du denn?, fragte Pina und neigte den Kopf.

„Ich bin nur eine Pusteblume, wisperte es leise.

„Nur?, wiederholte die Elfe und trat näher. „Du siehst aus wie ein kleines Geheimnis.

Die Pusteblume schwieg einen Moment, dann löste sich ein einzelnes Samenkorn und tanzte in die Luft.

Pina folgte ihm mit den Augen. Und da geschah etwas Seltsames.

Für einen winzigen Augenblick veränderte sich die Welt.

Die Wiese leuchtete heller. Die Luft schimmerte. Und Pina hatte das Gefühl, als würde sie sich an etwas erinnern, das sie nie erlebt hatte.

„Warst du das?, flüsterte sie.

„Vielleicht, antwortete die Pusteblume sanft. „Vielleicht trage ich Wünsche.

„Wünsche? Aber die erfüllen doch nur wir Elfen!, sagte Pina erstaunt.

Ein leises Lachen ging durch die feinen Samen.

„Ihr Elfen gebt den Wünschen eine Stimme, sagte die Blume. „Ich gebe ihnen Flügel.

Wieder löste sich ein Samen, dann noch einer, und noch einer. Sie stiegen auf, getragen vom Wind, und mit jedem einzelnen wurde die Welt ein kleines bisschen weiter, ein kleines bisschen heller.

Pina setzte sich ins Gras und sah zu.

„Und wenn niemand sich etwas wünscht?, fragte sie nach einer Weile.

„Dann trage ich Träume, antwortete die Pusteblume.

Die Elfe lächelte. So etwas hatte sie noch nie gehört. Eine Blume, die Wünsche fortträgt, leise, unsichtbar, ohne dass jemand es merkt.

„Du bist gar nicht nur eine Pusteblume, sagte sie schließlich.

„Nein, flüsterte die Blume. „Aber die meisten sehen nicht genau hin.

Der Wind wurde stärker.

Die weiße Kugel löste sich langsam auf, ein Samen nach dem anderen, bis nur noch der Stängel blieb.

Pina blieb noch lange sitzen.

Und als sie später davonflog, nahm sie sich vor, von nun an jede noch so kleine Blume genau anzusehen.

Denn vielleicht, dachte sie,

war die Welt voller Zauber –

man musste nur lernen, ihn zu erkennen.

 

© Anne Seltmann




Anne Seltmann 07.04.2026, 09.05 | (0/0) Kommentare | TB | PL