Ausgewählter Beitrag

Ich habe neulich von einem Beruf gehört, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: Sternschnuppenfänger.
Sein Name ist Emil und jeden Abend, wenn die Stadt langsam zur Ruhe kommt, steigt er mit seinem goldenen Netz hinauf zu seiner kleinen Plattform über den Wolken. Dort wartet er auf die Sternschnuppen, die über den Nachthimmel sausen. Sobald eine besonders helle auftaucht, schwingt Emil sein Netz und – schwupp – schon verschwindet sie darin.
Die gefangenen Sternschnuppen bewahrt er in kleinen Glasgefäßen auf. Sie leuchten darin wie winzige Feuerwerke und hinterlassen goldene Lichtkringel an den Glaswänden. Wenn jemand auf der Erde einen ganz besonderen Wunsch hat, bringt Emil ihm eine davon. Er stellt das Glas heimlich ans Fenster, klopft dreimal und verschwindet wieder. Denn Emil weiß: Ein Wunsch funktioniert nur, wenn man ihn nicht beobachtet.
Eines Nachts aber fängt Emil eine ganz besondere Sternschnuppe. Kaum steckt er sie in ein Glas, beginnt dieses heftig zu zittern.
„Lass mich raus!, flüstert sie.
Emil staunt. „Du kannst sprechen?
„Natürlich, antwortet die Sternschnuppe. „Du fängst uns schließlich ständig ein. Da darf man doch wenigstens mal etwas sagen.
Emil hebt vorsichtig den Deckel. „Und was möchtest du?
„Nach Hause.
„Und wo ist das?
Die Sternschnuppe zeigt nach oben. „Dort, wo alle Wünsche anfangen.
Emil denkt kurz nach und lässt sie frei. Sie schießt hinauf in den Himmel, wird kleiner und kleiner und verschwindet schließlich zwischen den Sternen.
Doch bevor sie endgültig verschwindet, ruft sie ihm zu: „Du darfst dir auch etwas wünschen!
Emil schaut lange in den Himmel. Dann lächelt er und sagt: „Ich wünsche mir, dass niemals jemand aufhört, an Wunder zu glauben.
In diesem Moment fällt eine kleine Sternschnuppe direkt vor seine Füße.
Emil hebt sie auf. Sie ist warm und glitzert in seiner Hand.
Seit dieser Nacht ist Emil übrigens kein Sternschnuppenfänger mehr.
Er sammelt Wünsche.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 20.08.2026, 08.30
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