Tag: Lyrik


(an meine gesammelten Liebesbriefe)
sie liegen da,
in ihrer stillen ordnung,
nicht alphabetisch,
sondern nach herzschlag –
so wie man findet,
was man nicht gesucht hat.
deine worte,
sie sind geblieben,
in ihrer eigenen stimme,
leicht geneigt,
wie dein kopf,
wenn du lachst.
ich falte einen auf,
und der tag wird weicher,
wie licht,
das sich im vorhang verfängt
und bleibt.
die tinte hat nichts verloren,
sie riecht noch nach dir,
nach kaffeepausen
und nach dem zögern
vor dem ersten "ich liebe dich".
ich lese langsam,
weil jedes wort
wie ein fenster ist –
dahinter ein garten,
ein blick,
ein wir,
das geblieben ist,
auch wenn die jahre
weitergehen.
es ist nicht wehmütig,
dieses sammeln,
es ist ein aufbewahren
wie von licht
in alten gläsern –
dein versprechen,
meine antwort,
unser ort.
und manchmal
lege ich meine hand
auf einen dieser briefe
und spüre
dich zurückschreiben.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 25.01.2026, 05.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Nun hat sie mir auch noch grüne Sachen verpasst. Als ob mir
grün stünde!!!
Miesepiet zog missmutig an seinem Ärmel und betrachtete sich im Spiegel einer
alten Blechdose. Grün! Einfach grün. Nicht mal ein ordentliches Grau oder
wenigstens ein vernünftiges Beige. Nein. Grün. Wie Gras. Oder Gurke. Oder
Hoffnung. Alles Dinge, die Miesepiet zutiefst verdächtig fand.
Er stapfte durch den Sand und knirschte dabei extra laut, damit auch wirklich jeder merkte, wie schlecht seine Laune war. Die Sonne schien ihm zu freundlich, der Himmel war ihm zu blau, und irgendwo lachte jemand. Unverschämt.
Warum immer ich?, murmelte er. Matrosenkleidung war ja schon schlimm genug. Aber jetzt auch noch grün. Was kommt als Nächstes? Blümchenmuster? Gute Laune?
Die anderen Erdmännchen warfen ihm vorsichtige Blicke zu. Niemand sagte etwas. Alle wussten: Wenn Miesepiet so drauf war, konnte selbst ein falsch liegender Stein Grund für eine einstündige Schimpftirade sein.
Er setzte sich auf seinen Lieblingshügel, verschränkte die Arme und schmollte in die Gegend. Der Wind wehte. Zu stark. Ein Käfer krabbelte vorbei. Zu fröhlich. Und irgendwo flatterte ein grünes Blatt vorbei. Provokation!!!
Aber dann passierte etwas Merkwürdiges. Ein kleiner Vogel landete direkt vor ihm, legte den Kopf schief und zwitscherte. Ganz leise. Nicht fröhlich. Eher neugierig. Miesepiet knurrte. Der Vogel blieb. Er knurrte lauter. Der Vogel blieb immer noch.
Na schön, brummte Miesepiet schließlich. Wenigstens einer, der nicht gleich wegläuft.
Der Vogel zwitscherte erneut. Miesepiet seufzte. Ganz kurz. Kaum hörbar. Und für einen winzigen Moment – wirklich nur einen winzigen – vergaß er, sich über das Grün zu ärgern.
Aber nur fast.
© Anne Seltmann
22.01.2026, 13.58 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


In Eis und Schnee
in eis und schnee
ruht alles,
was einmal bewegung war.
kälte hält fest,
was sonst vergeht.
zeit steht still
zwischen weiß
und schweigen.
nichts drängt,
nichts verlangt.
nur das dasein
im frost.
in eis und schnee
wird das leise
sichtbar.
~*~
© Anne Seltmann

Marius...
Anne Seltmann 22.01.2026, 05.38 | (4/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miesepiet war ein kleines Erdmännchen mit einem großen Problem: Er hatte fast immer schlechte Laune. Warum genau, wusste eigentlich niemand. Vielleicht lag es an der Sonne, die ihm zu hell war. Vielleicht am Sand, der ihm zu sandig war. Oder einfach daran, dass er gern miesepetrig sein wollte.
Jeden Morgen zog Miesepiet seine blauweiß gestreifte Matrosenkleidung an. Ein Hemd mit Kragen, eine kleine Hose und natürlich eine schicke Matrosenmütze. Eigentlich sah er damit sehr fröhlich aus. Aber sein Gesicht sagte etwas ganz anderes.
Während die anderen Erdmännchen lachend um den Bau herumtobten, saß Miesepiet auf einem Stein und schimpfte leise vor sich hin. Die Wolken waren ihm zu wolkig. Der Wind war ihm zu windig. Und das Frühstück schmeckte natürlich auch nicht so, wie es sollte.
Eines Tages beschloss die Erdmännchenbande, etwas zu unternehmen. Sie bauten heimlich ein kleines Boot aus Blättern, Muscheln und Zweigen. Dann stellten sie es direkt vor Miesepiets Stein.
Schau mal, rief seine Freundin Flitzeflink, ein echtes Matrosenboot nur für dich.
Miesepiet wollte gerade sagen, dass Boote sowieso doof seien. Doch dann sah er, wie viel Mühe sich alle gegeben hatten. Ganz vorsichtig setzte er sich hinein. Das Boot schaukelte ein wenig. Ein warmer Wind wehte. Und plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, musste Miesepiet ein klitzekleines bisschen lächeln.
Na gut, murmelte er, vielleicht ist heute gar nicht so ein schlechter Tag.
Die anderen Erdmännchen jubelten. Von da an war Miesepiet zwar immer noch manchmal mies drauf, aber längst nicht mehr jeden Tag. Und wenn er wieder grummelig wurde, setzte er einfach seine Matrosenmütze auf, stieg in sein kleines Boot und erinnerte sich daran, dass selbst ein Miesepiet ab und zu fröhlich sein darf.
.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 21.01.2026, 07.26 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


still ruht der see.
ein moment,
der sich selbst genügt.
das licht hält den atem an,
legt sich flach
auf die haut des wassers.
ein gedanke treibt vorbei,
ohne wellen zu machen.
man könnte ihn festhalten,
aber man lässt ihn.
am ufer nichts,
was drängt.
nur zeit,
die sich selbst zuhört.
der see weiß nichts von uns.
und genau darin
liegt seine ruhe.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 21.01.2026, 05.44 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

In einer stillen Sommernacht saß ein kleiner, süßer Igel auf einem warmen Stein mitten auf der Wiese. Um ihn herum leuchteten Glühwürmchen wie winzige Sterne, und die Blumen wiegten sich sanft im kühlen Abendwind.
Grischa, so hieß der kleine Igel, hob seine Knopfaugen zum Himmel. Dort stand der Mond, groß, rund und hell, als würde er nur für ihn scheinen. "Oh, wie wunderschön du bist!", seufzte Grischa leise. „Wenn ich doch nur zu dir hinaufklettern könnte…"
Er stellte sich vor, wie es wäre, auf dem Mond zu hüpfen, über Wolken zu springen und die Erde von oben zu betrachten. In seinen Gedanken tanzten Sterne um ihn herum, und kleine Sternschnuppen funkelten wie winzige Diamanten am Himmel.
Während Grischa so träumte, hörte er plötzlich ein leises Rascheln im Gras. Eine kleine Feldmaus lugte neugierig hervor. "Was machst du da, Grischa?", piepste sie.
"Ich bewundere den Mond", antwortete Grischa. "Er ist so groß und hell… und irgendwie fühlt es sich an, als würde er mir zuhören."
Die Maus lächelte. "Dann will ich auch ein bisschen den Mond ansehen!" Gemeinsam saßen sie still, lauschten der Nacht und beobachteten die Sterne. Die Luft war kühl, aber die Freundschaft wärmte ihre kleinen Herzen.
Bald entdeckten sie noch mehr Nachtbewohner: einen Frosch, der leise quakte, während er auf einem Seerosenblatt balancierte, und eine Eule, die hoch oben in den Bäumen saß und mit ihren großen Augen den Nachthimmel betrachtete. Alles schien in dieser Nacht besonders friedlich, besonders magisch zu sein.
Grischa erzählte seinen neuen Freunden von seinen Träumen. "Wenn ich einmal groß bin, möchte ich die Welt entdecken", sagte er. "Aber heute Nacht reicht es mir, einfach hier zu sitzen und den Mond zu bewundern."
Die Stunden vergingen, und langsam senkte sich der Mond tiefer über die Wiese. Grischa gähnte. Die Glühwürmchen summten leise um ihn herum, als wollten sie ihn in den Schlaf begleiten. Er kuschelte sich in sein Nest aus Gras und Blättern, die kleinen Freunde um ihn herum.
"Gute Nacht, lieber Mond", flüsterte Grischa noch einmal, "danke, dass du heute mit mir geleuchtet hast und mir die Nacht so schön gemacht hast."
Und während die Sterne langsam verblassten und die ersten Sonnenstrahlen die Wiese berührten, schlief Grischa ein. Er träumte von Sternen, vom Mond und von all den Abenteuern, die eines Tages noch auf ihn warten würden.
Denn selbst ein kleiner Igel wie Grischa wusste: Mit einem großen Herzen und einem offenen Blick auf die Welt ist kein Traum zu fern, kein Mond zu weit.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 16.01.2026, 09.35 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Es war einmal eine sehr kleine Biene mit besonders flauschigen Flügeln. Sie hieß Mila und lebte in einem Garten, der so bunt war, dass selbst der Regen manchmal stehen blieb, um ihn zu bewundern.
Mila war kleiner als alle anderen Bienen. Wenn der Wind kam, musste sie sich an Gänseblümchen festhalten, damit er sie nicht wie ein Staubkorn davontrug. Doch was ihr an Größe fehlte, machte sie mit Neugier wieder wett. Sie wollte jede Blüte kennenlernen, jeden Duft probieren und jedes Geheimnis des Gartens entdecken.
Eines Morgens fand sie eine weiße Blume, so zart und leuchtend, dass sie aussah wie ein kleines Stück Himmel. "Hier bleibe ich", summte Mila glücklich. Die Blume wurde ihr Lieblingsplatz. Von dort aus beobachtete sie die Welt: die Ameisen bei ihrer Arbeit, die Schmetterlinge beim Tanzen und die Sonne, die langsam über die Blätter kletterte.
Die anderen Bienen lachten manchmal über sie. "Du bist viel zu klein, um wichtig zu sein", sagten sie. Aber Mila wusste es besser. Denn immer, wenn sie von Blüte zu Blüte flog, hinterließ sie ein wenig goldenen Staub – und half damit, dass neue Blumen wachsen konnten.
Eines Tages kam ein großer Sturm über den Garten. Viele Blumen knickten um, und selbst die starken Bienen fanden kaum Halt. Doch Mila flog unermüdlich von Pflanze zu Pflanze und half, wo sie konnte. Am Ende des Tages sagte die älteste Biene des Stocks: "Manchmal sind es die Kleinsten, die das größte Herz haben."
Seitdem wusste jeder im Garten: Diese winzige, flauschige Biene war etwas ganz Besonderes.
Und Mila?
Die summte zufrieden auf ihrer weißen Lieblingsblume und dachte:
"Groß sein kann jeder. Aber klein und mutig – das ist ein echtes Abenteuer!
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 16.01.2026, 09.11 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


Inventar der Bäume
Heute tragen die Bäume
ihr zweites Gewicht.
Nicht das der Jahre,
nicht das der Ringe,
sondern ein helles,
geliehenes Weiß.
Jeder Ast
ein vorsichtiges Regal,
auf dem der Winter
sein Geschirr abstellt.
Die Fichten stehen da
wie Tiere, die gelernt haben
ganz still zu atmen.
Birken –
mit Schultern aus Schnee,
als hätten sie sich
für etwas entschuldigt.
Der Garten wird langsam
zu einem Archiv
von Formen, die sonst
nur der Wind kennt.
Man könnte meinen,
die Stämme hörten zu,
wie die Flocken
leise ihren Namen sagen.
Unter der Last
beugen sie sich
in einer geduldigen Grammatik:
Satzzeichen aus Holz und Kälte.
Ich gehe hindurch
und trage das Knirschen
an den Schuhen davon,
als kleine Beweise.
Gegen Abend
wird alles schwerer,
auch das Licht.
Dann hängen die Bäume
voller Schnee
wie unausgesprochene Sätze –
schön
und ein wenig gefährdet.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 15.01.2026, 10.37 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


ich legte meine hände
unter die nacht
als wäre sie ein tier,
scheu
und von fernem wasser
der mond hing dort
nicht wie ein zeichen
sondern wie ein atem,
unentschlossen
zwischen gehen und bleiben
ich sagte nichts
damit er nicht kleiner wird
ich zählte nur die stellen
an denen das licht
nicht mehr wusste, wohin
später
war er schwerer als gedacht
schwer wie erinnerungen,
die man zu lange
im stillen dreht
ich trug ihn
ein stück durch die straßen,
über die dächer,
bis er anfing
mich zu tragen
und irgendwo
zwischen schatten und schlaf
ließ ich ihn los -
und die nacht
hüllte mich ein
und blieb
~*~

Anne Seltmann 05.01.2026, 05.02 | (3/2) Kommentare (RSS) | TB | PL


das boot
liegt am strand
die planken müde
vom salz und wind
kein mensch
kein laut
nur das weiche
rauschen der see
ich gehe näher
die einsamkeit
legt sich wie ein tuch
über meine schultern
ein moment
der bleibt
zwischen land und wasser
zwischen gehen
und ankommen
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 31.12.2025, 07.55 | (0/0) Kommentare | TB | PL