Tag:

Thula und das Meer
Thula war ein kleines Wal-Mädchen mit einer Stimme, die noch nicht wusste, wie groß sie einmal werden würde. Wenn sie sang, klang es mehr wie ein Atemzug als wie ein Lied. Trotzdem liebte das Meer ihre Töne.
Thula lebte dort, wo das Wasser tiefblau wird und die
Strömungen langsam erzählen. Ihre Mutter sagte immer:
„Das Meer hört zu, auch wenn es still ist.
Thula glaubte das. Sie sang dem Licht, das von oben fiel. Sie sang den schlafenden Quallen gute Träume. Und manchmal, wenn niemand hinsah, sang sie einfach nur für sich.
Doch Thula hatte eine Sorge. Die anderen jungen Wale übten große Lieder – lange, kräftige Gesänge, die weit durch den Ozean trugen. Thulas Stimme dagegen blieb klein. Zart. Fast schüchtern.
Eines Tages schwamm Thula allein hinaus, dorthin, wo die Stille größer war als die Strömung. Sie legte sich zwischen zwei alte Felsen und hörte zu. Dem Knacken des Eises in der Ferne. Dem sanften Ziehen der Gezeiten. Dem leisen Puls des Wassers.
Und dann sang sie.
Nicht laut. Nicht lang.
Nur ehrlich.
Das Meer hielt den Atem an.
Die Strömungen wurden langsamer, als wollten sie nichts verpassen. Ein Schwarm kleiner Fische blieb stehen, wie hingemalt. Sogar das Licht schien einen Moment zu verweilen.
Thulas Lied erzählte nichts von Größe oder Stärke. Es erzählte davon, wie es ist, klein zu sein und trotzdem da. Wie es sich anfühlt, seinen Platz zu suchen, ohne zu wissen, wie er aussieht.
Als Thula zurückkehrte, warteten die anderen Wale bereits. Sie hatten nichts gehört – und doch etwas gespürt. Ruhe. Wärme. Ein Gefühl von Angekommensein.
Von diesem Tag an wusste Thula:
Man muss nicht laut sein, um gehört zu werden.
Man muss nicht groß sein, um Spuren zu hinterlassen.
Und irgendwo tief im Ozean, zwischen Strömung und Stille,
trägt das Meer bis heute ein kleines Lied.
Es heißt Thula.
Anne Seltmann 28.01.2026, 06.01 | (0/0) Kommentare | TB | PL


Alles Theater
staub im licht
der probe
bretter
die schon mehr wissen
als wir
stimmen
wärmen sich
an fremden sätzen
ein schritt zu viel
und es wird rolle
kostüme hängen
geduldig
voller möglichkeiten
hinter dem vorhang
atmen wir anders
lampen
machen aus nervosität
präsenz
applaus
ist ein geräusch
für später
jetzt
stehen wir da
im spiel
und hoffen
dass etwas von uns
durchkommt
~*~

Anne Seltmann 27.01.2026, 14.09 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Windmühlen faszinieren seit Jahrhunderten als Symbole für menschlichen Einfallsreichtum und die Nutzung natürlicher Kräfte. Sie verbinden Technik, Landschaft und Geschichte auf einzigartige Weise und prägen bis heute unser Bild von nachhaltiger Energie und traditionellem Handwerk.
Die ersten Windmühlen entstanden bereits vor über 1.000 Jahren, vermutlich im 7. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Persiens. Dort nutzte man sie zunächst zum Mahlen von Getreide und zum Bewässern. Von dort aus verbreitete sich die Technik über den arabischen Raum nach Europa, wo Windmühlen ab dem 12. Jahrhundert weiterentwickelt und perfektioniert wurden.
Einen einzelnen Erfinder gibt es nicht- die Windmühle ist das Ergebnis kollektiver Innovation über viele Generationen hinweg. Bis heute stehen sie für Fortschritt, Anpassung und die Kraft des Windes.
Anne Seltmann 26.01.2026, 09.32 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

"Was kommt als Nächstes? Blümchenmuster? Gute Laune?" murrte Miesepiet erst kürzlich und schon fiel sein Blick auf sich selbst. Der Strohhut mit den kleinen Blümchen wippte auf seinem Kopf, das rosa T-Shirt spannte sich ein wenig über seine Brust, und das rosa Halstuch flatterte bei jeder seiner Bewegung.
"Ich… ich sehe aus wie ein wandelnder Frühling!" knurrte er und versuchte, die Hände in die Taschen zu stecken – vergeblich, das rosa Halstuch flatterte ihm immer wieder ins Gesicht.
Seine Freundin Flitzeflink kicherte von seiner Schulter: "Na los, Miesepiet, ein bisschen Farbe schadet doch nicht!"
"Farbe schadet nicht?" brummte Miesepiet. "Es zerstört meine Würde!"
Er stapfte in den Garten, um wenigstens ein bisschen "ernst" zu wirken. Doch kaum trat er zwischen die Blumenbeete, flatterten Schmetterlinge um ihn herum - offenbar angezogen von seinem Hut - und ein Hase hüpfte ihm quer über die Füße.
"Verdammt noch mal!", schimpfte Miesepiet, während er versuchte, den Hasen wegzuscheuchen, aber stattdessen stolperte er beinahe über das rosa Halstuch. Flitzeflink zwitscherte vor Freude: "Schau ihn an! Du siehst aus wie ein Frühlingstanz auf zwei Beinen!"
Miesepiet riss die Arme hoch, um seine Würde zu retten, aber genau in diesem Moment sprang ein anderer kleiner Vogel auf seinen Hut und zwitscherte ein Lied, das perfekt zum rosa Outfit passte. "Ich schwöre…“, knurrte er, "dieser Tag hat sich gegen mich verschworen!"
Doch dann geschah etwas Unglaubliches: Die Nachbarskinder traten aus dem Garten, lachten und riefen: "Miesepiet, du siehst fantastisch aus! So fröhlich!"
Er spürte, wie sein sonst so mürrisches Herz ein winziges bisschen schmolz. "Hmpf… vielleicht… ein ganz kleines bisschen… okay", murmelte er und senkte den Kopf, um seine roten Backen zu verbergen. Flitzeflink zwitscherte triumphierend: "Siehst du? Ich habe es dir doch gesagt! Rosa macht fröhlich!"
Miesepiet seufzte. "Na schön… aber nur heute. Morgen…", er deutete auf den Strohhut, „…kommt wieder Matrosenblau. Und Grau. Ganz viel Grau."
Aber heimlich, ganz heimlich, zwinkerte er dem Spiegel zu - und der Strohhut wippte, als hätte er Miesepiet selbst zum Lächeln gebracht.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 25.01.2026, 06.32 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


(an meine gesammelten Liebesbriefe)
sie liegen da,
in ihrer stillen ordnung,
nicht alphabetisch,
sondern nach herzschlag –
so wie man findet,
was man nicht gesucht hat.
deine worte,
sie sind geblieben,
in ihrer eigenen stimme,
leicht geneigt,
wie dein kopf,
wenn du lachst.
ich falte einen auf,
und der tag wird weicher,
wie licht,
das sich im vorhang verfängt
und bleibt.
die tinte hat nichts verloren,
sie riecht noch nach dir,
nach kaffeepausen
und nach dem zögern
vor dem ersten "ich liebe dich".
ich lese langsam,
weil jedes wort
wie ein fenster ist –
dahinter ein garten,
ein blick,
ein wir,
das geblieben ist,
auch wenn die jahre
weitergehen.
es ist nicht wehmütig,
dieses sammeln,
es ist ein aufbewahren
wie von licht
in alten gläsern –
dein versprechen,
meine antwort,
unser ort.
und manchmal
lege ich meine hand
auf einen dieser briefe
und spüre
dich zurückschreiben.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 25.01.2026, 05.52 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Der Fisch war eigentlich nur neugierig.Er schwamm näher heran, weil er wissen wollte, wer ihn so aufmerksam betrachtete.
Sie betrachteten einander eine Weile,als gäbe es etwas zu klären.
Doch es gab nichts zu entscheiden. Eine Weile musterten sie sich,dann schwamm der Fisch weiter und sie ging nach Hause.
Freitag ist Fischtag.
Nicht jeder Fisch landet auf dem Teller.

Anne Seltmann 23.01.2026, 06.36 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Nun hat sie mir auch noch grüne Sachen verpasst. Als ob mir
grün stünde!!!
Miesepiet zog missmutig an seinem Ärmel und betrachtete sich im Spiegel einer
alten Blechdose. Grün! Einfach grün. Nicht mal ein ordentliches Grau oder
wenigstens ein vernünftiges Beige. Nein. Grün. Wie Gras. Oder Gurke. Oder
Hoffnung. Alles Dinge, die Miesepiet zutiefst verdächtig fand.
Er stapfte durch den Sand und knirschte dabei extra laut, damit auch wirklich jeder merkte, wie schlecht seine Laune war. Die Sonne schien ihm zu freundlich, der Himmel war ihm zu blau, und irgendwo lachte jemand. Unverschämt.
Warum immer ich?, murmelte er. Matrosenkleidung war ja schon schlimm genug. Aber jetzt auch noch grün. Was kommt als Nächstes? Blümchenmuster? Gute Laune?
Die anderen Erdmännchen warfen ihm vorsichtige Blicke zu. Niemand sagte etwas. Alle wussten: Wenn Miesepiet so drauf war, konnte selbst ein falsch liegender Stein Grund für eine einstündige Schimpftirade sein.
Er setzte sich auf seinen Lieblingshügel, verschränkte die Arme und schmollte in die Gegend. Der Wind wehte. Zu stark. Ein Käfer krabbelte vorbei. Zu fröhlich. Und irgendwo flatterte ein grünes Blatt vorbei. Provokation!!!
Aber dann passierte etwas Merkwürdiges. Ein kleiner Vogel landete direkt vor ihm, legte den Kopf schief und zwitscherte. Ganz leise. Nicht fröhlich. Eher neugierig. Miesepiet knurrte. Der Vogel blieb. Er knurrte lauter. Der Vogel blieb immer noch.
Na schön, brummte Miesepiet schließlich. Wenigstens einer, der nicht gleich wegläuft.
Der Vogel zwitscherte erneut. Miesepiet seufzte. Ganz kurz. Kaum hörbar. Und für einen winzigen Moment – wirklich nur einen winzigen – vergaß er, sich über das Grün zu ärgern.
Aber nur fast.
© Anne Seltmann
22.01.2026, 13.58 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


In Eis und Schnee
in eis und schnee
ruht alles,
was einmal bewegung war.
kälte hält fest,
was sonst vergeht.
zeit steht still
zwischen weiß
und schweigen.
nichts drängt,
nichts verlangt.
nur das dasein
im frost.
in eis und schnee
wird das leise
sichtbar.
~*~
© Anne Seltmann

Marius...
Anne Seltmann 22.01.2026, 05.38 | (4/2) Kommentare (RSS) | TB | PL
Was ist dein Allheilmittel, wenn du einen schlechten Tag hast?
Wenn ich einen schlechten Tag habe, ist Musik mein Allheilmittel. Sie begleitet mich durch alles, was schwer, laut oder unausgesprochen ist. Mit ihr kann ich abschalten, loslassen oder auch einfach nur fühlen, was gerade da ist. Manche Lieder trösten, andere geben mir neue Energie, wieder andere helfen mir, meine Gedanken zu sortieren. Musik nimmt nichts weg – aber sie macht vieles leichter.
Oft bevorzuge ich dabei stille, klassische Musik, besonders Klavier- oder Cellostücke. Sie wirken beruhigend und geben mir Raum zum Atmen. Manchmal darf es auch ein Orchester sein – aber immer in ruhigen, sanften Kompositionen. Diese leisen Klänge helfen mir, zur Ruhe zu kommen, mich zu sammeln und den Tag wieder ein kleines Stück ins Gleichgewicht zu bringen.
Anne Seltmann 21.01.2026, 16.20 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL