Blogeinträge (Tag-sortiert)

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Redewendungen N° 01

[Bild KI generiert]



"Etwas an die große Glocke hängen"


Es gibt Menschen, die können einfach kein Geheimnis für sich behalten.

Kaum erfahren sie etwas, wird telefoniert, geschrieben, weitergeflüstert oder – ganz modern – in den sozialen Medien geteilt. Früher nannte man das Tratschen. Heute heißt es oft: "Ich wollte es nur mal kurz erzählen..."

Doch woher kommt eigentlich die Redewendung „etwas an die große Glocke hängen?

Früher wurden wichtige Neuigkeiten tatsächlich mit Glockengeläut bekannt gemacht. Ob Markttag, Feuer, Hochwasser oder königlicher Besuch – wenn die große Glocke läutete, wusste jeder: Jetzt gibt es etwas Wichtiges!

In meiner Fantasie sieht das allerdings etwas anders aus.

Da steht ein kleiner Handwerker auf einer wackeligen Leiter. Vor ihm hängt eine riesige Glocke, größer als ein Haus. Mit ernstem Gesicht befestigt er sorgfältig ein Schild daran:

„Bitte weitersagen!

Ich stelle mir vor, wie die Leute stehen bleiben und rätseln.

"Was hängt denn da?"

"Keine Ahnung."

"Na, dann erzählen wir es erst einmal allen!"

Mission erfüllt.

Vielleicht wäre das sogar die ehrlichste Form von Klatsch. Nicht hintenherum tuscheln, sondern gleich alles offiziell an die größte Glocke hängen, die man finden kann.

Ob das allerdings jede Nachricht verdient?

Ich glaube nicht.

Manches darf ruhig leise bleiben.

Ein Sonnenuntergang braucht keine Schlagzeile.

Ein Kinderlachen keine Pressekonferenz.

Und ein selbst gebackener Apfelkuchen muss nicht in den Abendnachrichten auftauchen – obwohl ... darüber könnte man durchaus diskutieren.

Aber wenn ihr demnächst irgendwo eine riesige Glocke entdeckt, an der ein kleiner Handwerker gerade ein Schild befestigt, dann wisst ihr Bescheid.

Es ist wahrscheinlich wieder jemand unterwegs, der etwas an die große Glocke hängen möchte.

Und seien wir ehrlich ...

... ein kleines bisschen neugierig sind wir doch alle.




Anne Seltmann 23.07.2026, 07.34 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Maritimer Mittwoch N° 252



Eine Möwe aus einer Zeit vor mir

Ich sortiere gerade die alten Fotos meiner Eltern.

Zwischen den vielen Aufnahmen blieb ich an einem Bild hängen: Möwen auf Usedom.

Mein Vater hat dieses Foto gemacht, als er noch ein junger Mann war. Er war damals mit meiner Mutter auf der Insel unterwegs. Ich war noch nicht geboren. Es war eine Zeit, in der ihre gemeinsame Geschichte gerade erst begann.

Während ich das Bild betrachte, frage ich mich, worüber sie damals gesprochen haben. Ob sie am Strand spazieren gingen, den Möwen zusahen oder einfach den Wind und das Meer genossen. Hatten sie schon Träume für die Zukunft? Haben sie geahnt, was das Leben für sie bereithalten würde?

Ein altes Foto ist mehr als ein eingefrorener Augenblick.

Es zeigt nicht nur, was zu sehen ist. Es erzählt von einer Zeit, die ich nur aus Erzählungen kenne – und doch gehört sie zu mir. Denn ohne diese Tage auf Usedom, ohne all die kleinen und großen Momente, die meine Eltern miteinander erlebt haben, gäbe es meine eigene Geschichte nicht.

Ich schaue auf die Möwe und sehe plötzlich nicht mehr nur einen Vogel am Meer. Ich sehe zwei junge Menschen, voller Zukunft, ohne zu wissen, welche Wege noch vor ihnen liegen würden.

Es berührt mich, dass ich heute, Jahrzehnte später, dieses Bild in den Händen halte.

Fotos können die Zeit nicht anhalten. Aber sie können sie für einen Augenblick wieder öffnen.

Und manchmal genügt eine einziges Bild mit Möwen, um sich auf eine Reise zu begeben – in eine Vergangenheit, die man selbst nie erlebt hat und die doch ein Teil der eigenen Geschichte geworden ist.

 

[Foto eingescannt und bearbeitet]



Anne Seltmann 22.07.2026, 00.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sprachsalat à la carte





Palaver – wenn Worte ihre Reise erzählen

 

Es gibt Wörter, die klingen schon beim Aussprechen nach dem, was sie bedeuten. Palaver ist so ein Wort. Man hört förmlich das Hin und Her, das Reden ohne Ende, das Diskutieren, Erklären und Ausschmücken.

Heute sagen wir oft: „Mach doch nicht so ein Palaver! Gemeint ist damit meist ein unnötiges Theater oder eine endlose Diskussion um eine Kleinigkeit. Doch das Wort hatte ursprünglich eine ganz andere Bedeutung.

Seine Wurzeln liegen im portugiesischen palavra, was schlicht „Wort bedeutet. Portugiesische Seefahrer brachten den Begriff im 15. und 16. Jahrhundert an die westafrikanische Küste. Dort entwickelte sich daraus das Palaver – eine oft stundenlange Besprechung zwischen europäischen Händlern und den einheimischen Gemeinschaften. Solche Treffen dienten dazu, Konflikte zu lösen, Handel zu betreiben oder gemeinsame Entscheidungen zu treffen.

Erst später bekam das Wort im Deutschen einen leicht spöttischen Beiklang. Aus dem ernsthaften Gespräch wurde das vermeintlich überflüssige Gerede.

Eigentlich ist das schade.

Denn ein Palaver im ursprünglichen Sinn war kein Geschwätz. Es bedeutete, sich Zeit füreinander zu nehmen, zuzuhören, Argumente auszutauschen und erst dann zu einer Entscheidung zu kommen. Vielleicht könnten wir davon heute wieder etwas gebrauchen.

Wörter tragen Geschichten in sich. Manche reisen über Kontinente, verändern unterwegs ihre Bedeutung und kommen schließlich ganz anders bei uns an, als sie einst aufgebrochen sind.

Palaver ist eines dieser Wörter.

Und vielleicht lohnt es sich manchmal, ein kleines Palaver zu führen – solange dabei nicht das Reden wichtiger wird als das Zuhören.




Anne Seltmann 21.07.2026, 07.28 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Montagsherz N° 664



Manche Herzen werden sorgfältig gezeichnet. Mit Zirkel, Lineal und dem Anspruch auf Perfektion. Und dann gibt es dieses Herz.

Ein paar Sprühstöße.

Ein wenig Farbe.

Ein unruhiger Rand.

Farbnasen, die nach unten laufen.

 Nicht makellos.

Nicht geschniegelt.

Nicht geschniegelt für eine Postkarte.

Und trotzdem bleibt mein Blick daran hängen. Vielleicht, weil es mich daran erinnert, dass Liebe selten gerade Linien kennt. Sie verläuft manchmal. Sie hinterlässt Spuren. Sie ist nicht immer symmetrisch und nicht immer planbar. Gerade die kleinen Unregelmäßigkeiten erzählen oft die schönsten Geschichten. Ich frage mich manchmal, wer dieses Herz an die Wand gesprüht hat.

 War es ein verliebter Mensch?

Jemand, der vermisst?

Oder einfach jemand, der der grauen Wand einen Hauch von Leben schenken wollte? Ich werde es wohl nie erfahren. Aber vielleicht ist genau das das Schöne daran. Man muss nicht jede Geschichte kennen, um sich von ihr berühren zu lassen.


Ich wünsche euch einen Montag mit Menschen, die keine perfekten Herzen haben müssen – sondern echte.



Nächster Termin:


03. August



Montagsherz...





Anne Seltmann 20.07.2026, 00.00 | (6/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Heute geht‘s in den Tierpark Gettorf




[Bild KI generiert]


Manchmal braucht es gar keine große Reise, um einen schönen Tag vor sich zu haben. Heute fahren meinen Lieblinsgmensch und ich in den * Tierpark nach Gettorf. Dort warten schon meine Enkelin, mein Sohn und seine Lebensgefährtin auf uns. Ich freue mich auf gemeinsame Stunden zwischen Eseln, Erdmännchen, Affen und all den anderen tierischen Bewohnern.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch eines: dass das Wetter mitspielt. Die Vorhersage macht Hoffnung, und ich drücke einfach mal die Daumen, dass die Wolken heute nur Dekoration sind und die Sonne sich zwischendurch blicken lässt.

Ich mag den Tierpark Gettorf sehr. Er ist überschaubar, liebevoll angelegt und bietet viele Möglichkeiten, Tiere ganz entspannt zu beobachten. Vor allem aber ist er heute der Ort, an dem wir Zeit miteinander verbringen. Und genau das ist es doch, was einen Tag besonders macht: nicht nur das Ziel, sondern die Menschen, mit denen man unterwegs ist.

Vielleicht entstehen unterwegs auch wieder ein paar schöne Fotos – und ganz bestimmt viele kleine Erinnerungen, die man nicht mit der Kamera festhalten kann.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Sonntag. Vielleicht führt euch euer Weg ja auch nach draußen – dorthin, wo das Leben für ein paar Stunden ganz leicht sein darf.



[* Namensnennung...unbeauftragt und unbezahlt !]





Anne Seltmann 18.07.2026, 08.22 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sprachsalat à la carte




Rabulistisch – Ein Wort, das man kennen darf

Es gibt Wörter, die begegnen einem ein Leben lang nicht. Und dann tauchen sie plötzlich auf – als hätten sie sich jahrelang versteckt.

So ging es mir mit „rabulistisch.

Mein erster Gedanke war:
Ist das ein Zauberspruch aus Harry Potter? Oder vielleicht ein italienisches Nudelgericht?

Nein.

Rabulistisch beschreibt eine Art zu argumentieren. Allerdings keine besonders sympathische.

Wer rabulistisch argumentiert, versucht mit spitzfindigen, oft verdrehten oder scheinbar logischen Argumenten Recht zu behalten – auch wenn die eigentliche Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. Es geht weniger darum, eine Sache ehrlich zu klären, sondern vielmehr darum, den anderen mit Wortakrobatik auszumanövrieren.

Man könnte auch sagen:

Hauptsache gewonnen. Egal, ob überzeugend.

Manchmal erlebt man solche Diskussionen im Alltag. Jemand wird auf einen offensichtlichen Fehler hingewiesen und statt einfach zu sagen: „Stimmt, da hast du recht, beginnt plötzlich eine sprachliche Pirouette nach der anderen. Am Ende weiß keiner mehr, worum es ursprünglich ging – aber die Diskussion dauert erstaunlich lange.

Ich muss zugeben: Solche Gespräche strengen mich an.

Nicht, weil unterschiedliche Meinungen etwas Schlechtes wären – ganz im Gegenteil. Gerade ein offener Austausch macht Gespräche spannend.

Aber wenn es nur noch darum geht, um jeden Preis recht zu behalten, wird aus einer Unterhaltung schnell ein rhetorisches Tauziehen.

Vielleicht gefällt mir das Wort deshalb so gut.

Es beschreibt etwas, das viele von uns schon erlebt haben, ohne dafür bisher einen passenden Begriff zu kennen.

Und ganz ehrlich:

Manchmal reicht ein einfaches
„Da habe ich mich geirrt.

Das spart Zeit, Nerven und eine Menge rabulistischer Verrenkungen. 

Heute habe ich jedenfalls wieder ein neues Wort gelernt.

Und das ist doch eigentlich das Schönste an Sprache:
Sie überrascht uns immer wieder. Manche Wörter verschwinden. Andere warten geduldig darauf, entdeckt zu werden. Und plötzlich hat man einen Begriff für etwas, das man längst kannte – nur eben bisher nicht benennen konnte.

 




Anne Seltmann 17.07.2026, 05.28 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 17






"Ach schau mal, eine gefüllt blühende < Prunus serrulata Shirotae >."

Ich gehe durch denselben Park und denke: „Oh... hübsch. Damit endet mein botanisches Fachwissen.

Früher war für mich die Pflanzenwelt ohnehin übersichtlich.

Baum.

Blume.

Busch.

Mit etwas Glück kann ich noch zwischen Tanne und Palme und heimische Bäume unterscheiden. Bei Blumen bin ich auch nicht ganz so firm. Bei allem anderen wird es schwierig für mich.

Neulich fotografierte ich einen wunderschön blühenden Baum. Weiße Blüten, frisches Grün, einfach traumhaft.

Natürlich wollte ich wissen, was da eigentlich vor meiner Kamera stand. Also zückte ich – ganz modern – erst einmal meine Pflanzen-App. Die App dachte kurz nach und warf mir einen Namen entgegen, der sich eher wie ein Zauberspruch aus Harry Potter anhörte als wie ein Baum.

Na gut …

Also fragte ich zusätzlich noch die KI.

Die Antwort lautete ungefähr:

"Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine gefüllt blühende japanische Zierkirsche der Sorte Prunus serrulata Shirotae." Ich nickte verständnisvoll. Innerlich hörte ich mich nur sagen:

"Aha… Baum."

Das Faszinierende ist ja, dass Pflanzenkenner scheinbar auf zehn Meter Entfernung erkennen, ob eine Blattspitze um drei Millimeter gezähnt ist oder ob sich die Knospe linksherum statt rechtsherum geöffnet hat.

Ich sehe dagegen nur:

"Die hat schöne Blüten."

Oder:

"Die piekst."

Mehr ist da oft nicht. Dabei fotografiere ich seit Jahren Blumen, Bäume und Pflanzen. Ich könnte vermutlich tausend Nahaufnahmen zeigen. Aber fragt mich bitte nicht, was darauf zu sehen ist.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich antworte:

"Etwas Grünes mit Blüten." 

Und deshalb bin ich froh, dass es heute Pflanzen-Apps gibt. Auch wenn sie mich gelegentlich mit lateinischen Namen erschlagen. Falls die App und die KI sich dann auch noch einig sind, glaube ich ihnen einfach. Schließlich müssen die beiden es ja wissen.

Ich bleibe trotzdem bei meiner Methode. Ich freue mich über Farben. Über Formen. Über Licht.

Und wenn mich künftig jemand fragt, was das für ein Baum ist, antworte ich ganz gelassen:

"Eine Prunus-irgendwas. Ganz sicher etwas sehr Hübsches."

Das klingt immerhin deutlich gebildeter als:

"Baum"



Marius...



Anne Seltmann 16.07.2026, 07.17 | (3/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miau-velous Moments N° 68


Die Katze, die den Sternen näher war als wir alle

Wenn wir an die Raumfahrt denken, fallen uns sofort Namen wie Juri Gagarin oder Neil Armstrong ein. Vielleicht auch die Hündin Laika. Doch kaum jemand kennt Félicette – eine kleine schwarz-weiße Katze aus Frankreich, die Geschichte schrieb.

Am 18. Oktober 1963 wurde Félicette mit einer französischen Forschungsrakete ins All geschickt. Sie war keine Heldin, die sich freiwillig gemeldet hatte. Sie war eine von mehreren Katzen, die für wissenschaftliche Versuche ausgewählt wurden. Während ihres kurzen Fluges wurden Hirnströme und andere Körperfunktionen gemessen, um besser zu verstehen, wie sich Schwerelosigkeit auf Lebewesen auswirkt.

Der Flug dauerte nur wenige Minuten. Die Rakete erreichte eine Höhe von rund 150 Kilometern, bevor die Landekapsel sicher mit einem Fallschirm zur Erde zurückkehrte.

Félicette überlebte den Flug.

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse trugen dazu bei, die Weltraummedizin weiterzuentwickeln und spätere bemannte Missionen besser vorzubereiten.

Und trotzdem bleibt bei mir ein zwiespältiges Gefühl zurück.

So faszinierend die Raumfahrt ist und so groß die wissenschaftlichen Fortschritte gewesen sein mögen – der Preis dafür wurde oft von Tieren bezahlt, die keine Wahl hatten. Hunde, Affen, Mäuse und eben auch Katzen wurden zu Versuchstieren, ohne zu verstehen, warum sie plötzlich in Raketen saßen oder welchen Zweck ihre Reise erfüllen sollte.

Ich weiß, dass die Wissenschaft damals andere Maßstäbe hatte als heute. Und doch wünsche ich mir, dass wir solche Geschichten nicht nur mit Bewunderung erzählen, sondern auch mit Mitgefühl. Denn jeder Fortschritt sollte uns auch daran erinnern, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist.

Vielleicht macht gerade das Félicettes Geschichte so besonders.

Sie wurde nie berühmt. Jahrzehntelang geriet ihr Name fast vollständig in Vergessenheit. Erst viele Jahre später erinnerte man sich an die kleine Katze, die ebenfalls ihren Teil zur Geschichte der Raumfahrt beigetragen hatte. 2019 erhielt sie schließlich in Straßburg ein Denkmal – eine späte Würdigung für ein Tier, das niemals ahnte, dass es Geschichte schrieb.

Wenn ich ihr Bild im Internet betrachte, (obiges Bild hat sehr viel Ähnlichkeit mit ihr) sehe ich keine Raumfahrtpionierin.

Ich sehe eine Katze. Ein neugieriges Wesen mit Schnurrhaaren, Samtpfoten und einem Leben, das eigentlich auf Fensterbänke, warme Sonnenflecken und das leise Schnurren in menschlicher Nähe ausgelegt war. Vielleicht sollten wir nicht nur den Menschen danken, die den Himmel erobert haben. Vielleicht sollten wir auch jene nicht vergessen, die unfreiwillig den ersten Weg dorthin geebnet haben.

Danke, Félicette.

Nicht, weil du ins All geflogen bist.

Sondern weil deine Geschichte uns heute daran erinnert, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Mitgefühl immer gemeinsam gedacht werden sollten!





Anne Seltmann 15.07.2026, 16.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Baustelle des Jahres – oder: Warten auf Godot in der Wohnanlage








Auch wenn ich mich wiederhole – irgendwann ist Schweigen keine Tugend mehr, sondern Resignation. Deshalb muss ich meinem Frust noch einmal öffentlich Luft machen.

Im März 2023 wurde uns eine umfassende Haussanierung angekündigt: neue Fassade, neue Fenster, neue Balkone. Ein Projekt, das unsere Wohnqualität deutlich verbessern sollte.

Nach einem holprigen Start nahm die Baustelle tatsächlich Fahrt auf – allerdings offenbar mit angezogener Handbremse. Wochenlang geschah... nichts. Und wenn doch einmal Bewegung aufkam, dann tauchten vereinzelt ein paar Handwerker auf, verrichteten kleinere Arbeiten und verschwanden wieder, als hätten sie einen streng getakteten Fluchtplan.

Der einzige, der erstaunlich zuverlässig erschien, war einer der Architekten. Tag für Tag spazierte er mit seinem Handy über die Baustelle und fotografierte alles. Vermutlich entsteht daraus irgendwann ein opulenter Bildband mit dem Titel: **„Vom Werden einer Nicht-Baustelle**.

Offiziell sollte das gesamte Bauprojekt Ende 2024 abgeschlossen sein.

Heute schreiben wir das Jahr 2026.

Seit einem halben Jahr herrscht auf unserer Baustelle absolute Stille. Und mit absolut meine ich: **absolute**. Kein Hämmern. Kein Bohren. Kein Bagger. Kein Handwerker. Nicht einmal ein einsamer Nagel, der versehentlich vom Himmel fällt und Hoffnung verbreitet.

**Nothing. Nada. Niente.**

Die Bauzäune stehen noch tapfer Wache – vermutlich aus Gewohnheit. Die aufgeschütteten Erdhügel entwickeln sich derweil zu kleinen Biotopen. Moose, Gräser und Wildkräuter leisten ganze Arbeit. Die Natur ist eben effizienter als so manche Bauplanung und hat beschlossen, sich das Gelände einfach zurückzuerobern.

Den Bürgermeister hatte ich bereits vor längerer Zeit informiert. Während seines Wahlkampfes stand er persönlich vor unserer Haustür und versprach, sich der Angelegenheit anzunehmen. Das klang damals hoffnungsvoll.

Vor Kurzem schrieb ich ihn erneut an. Die Antwort: Die Firma **Bednarski & Fröber Planungs GbR** sei inzwischen nicht mehr für unsere Häuserreihe zuständig. Man werde sich melden, sobald man Näheres wisse. Nur uns hat keiner darüber informiert!!!

Das klingt ein wenig wie: *„Bitte bleiben Sie in der Leitung. Ihr Anliegen ist uns wichtig.*

Nur dass unsere Leitung inzwischen seit über drei Jahren besetzt ist.

Ich wünsche mir keinen Luxus. Keine goldenen Balkongeländer. Kein Richtfest mit Blaskapelle.

Ich wünsche mir einfach nur das zurück, was uns längst versprochen wurde: einen fertigen Balkon, eine abgeschlossene Baustelle und endlich wieder das Gefühl, in einem Zuhause zu wohnen – und nicht auf dem Dauerschauplatz einer Realsatire.

 

Fortsetzung folgt.

Vermutlich.

Denn auf dieser Baustelle scheint nur eines zuverlässig zu funktionieren:

 

**Der Stillstand.**



Anne Seltmann 12.07.2026, 14.35 | (3/3) Kommentare (RSS) | TB | PL

Hand aufs Herz





Was stört mich – und warum?

Es gibt Dinge, die mich nicht nur für einen Augenblick ärgern. Sie beschäftigen mich länger, weil sie etwas Grundsätzliches über unseren Umgang miteinander erzählen.

  • Mich stören Machtspiele.

Nicht, weil ich Konflikte scheue – im Gegenteil. Unterschiedliche Meinungen gehören zum Leben. Sie bringen uns weiter, wenn wir bereit sind, einander zuzuhören. Was mich jedoch abstößt, ist der Versuch, andere kleinzumachen, um selbst größer zu wirken. Stärke zeigt sich für mich nicht in Überlegenheit, sondern in Respekt.

 

  •  Mich stört Oberflächlichkeit.

Wir leben in einer Zeit, in der oft nur noch Überschriften gelesen werden. Es wird schnell geurteilt, selten nachgefragt und noch seltener wirklich zugehört. Dabei steckt hinter jedem Menschen eine Geschichte, die wir nicht kennen.

 

  •  Mich stört Gleichgültigkeit.

Nicht jeder kann jedes Leid lindern. Aber Anteilnahme kostet nichts. Ein ehrliches „Wie geht es dir? oder ein offenes Ohr können manchmal mehr bewirken als gut gemeinte Ratschläge. Es macht mich traurig, wenn Menschen mit ihren Sorgen allein gelassen werden, weil sich das Leben der anderen einfach weiterdreht.

 

  • Mich stört Unverbindlichkeit.

Zusagen werden gemacht und vergessen. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Verabredungen verlieren an Bedeutung. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich finde, Zuverlässigkeit ist eine Form von Wertschätzung.

 

  • Mich stört Rücksichtslosigkeit.

Ob im Straßenverkehr, im Internet oder im Alltag – manchmal scheint es wichtiger geworden zu sein, Recht zu behalten, als freundlich zu sein. Dabei kostet Freundlichkeit so wenig und verändert oft so viel.

 

  • Mich stört Neid.

Nicht der Wunsch, etwas Schönes ebenfalls zu haben. Sondern das Missgönnen. Warum fällt es manchen Menschen so schwer, sich ehrlich mit anderen zu freuen? Ein Erfolg wird doch nicht kleiner, nur weil jemand anderes ebenfalls erfolgreich ist.

 

  • Mich stört Unehrlichkeit.

Ich kann mit einer unbequemen Wahrheit besser umgehen als mit einer schönen Lüge. Ehrlichkeit schafft Vertrauen – auch dann, wenn sie wehtut. Unehrlichkeit zerstört es oft dauerhaft.

 

  •  Mich stört Respektlosigkeit.

Vor Menschen. Vor Tieren. Vor der Natur. Vor Meinungen, die nicht den eigenen entsprechen. Respekt ist für mich keine Frage des Alters, des Berufs oder der Herkunft. Er ist eine Haltung.

Und ja – mich stört auch, dass wir oft so sehr auf das Große warten, dass wir das Kleine übersehen.

Ein Lächeln...Ein Dankeschön...Ein nettes Wort...Eine helfende Hand.

Vielleicht beginnt genau dort die Welt, die wir uns alle wünschen.

Ich glaube nicht, dass wir die Menschheit verändern können. Aber wir können entscheiden, wie wir einem einzelnen Menschen begegnen. Und vielleicht ist das am Ende viel mehr, als wir ahnen.

Denn jeder Tag gibt uns aufs Neue die Wahl:

Wollen wir Teil des Problems sein – oder Teil der Lösung?         

 




Anne Seltmann 10.07.2026, 17.21 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL