Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Lyrik

Die Schaukel



Foto & Bildbearbeitung © Anne Seltmann




DIE SCHAUKEL

Wie schön sich zu wiegen,
Die Luft zu durchfliegen
Am blühenden Baum!
Bald vorwärts vorüber,
Bald rückwärts hinüber, –
Es ist wie ein Traum!

Die Ohren, sie brausen,
Die Haare, sie sausen
Und wehen hintan!
Ich schwebe und steige
Bis hoch in die Zweige
Des Baumes hinan.

Wie Vögel sich wiegen,
Sich schwingen und fliegen
Im luftigen Hauch:
Bald hin und bald wieder,
Hinauf und hernieder,
So fliege ich auch!


~*~


Heinrich Seidel


Anne Seltmann 02.02.2019, 11.31 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Erkenntnis








Ein Blitzgedanke, einer, der vor meinem geistigen Auge wie auf dem Laufband vorüber läuft,

Worte formieren sich zu Sätzen und ich lese hinter meiner Stirn, dass ich alt bin…

in Jahren gezählt, aber innerlich immer noch nicht.

Ich warte auf den Tag, wo mit einem Mal die Erkenntnis da ist,

dass das jetzt alt ist, was ich fühle und denke.

Die Knochen sagen mir auch schon längst, dass sie nicht mehr nachkommen,

weil mein Denken doch noch so jung geblieben ist.

Auch das morgendliche Frischegefühl nach dem Aufstehen fehlt

und fühlt sich bleiern an.

Ich stehe morgens müde auf um am Abend wach ins Bett zugehen.

Ich weiß, dass die Tage von nun an abzählbar sind,

dass ich die Zeit nicht anhalten oder zurechtrücken kann.


~*~



© Anne Seltmann

 

 


Anne Seltmann 22.01.2019, 09.35 | (5/3) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Natur Donnerstag N° #24/2018


N° #24/2018







Herbstblätter

Sie fallen und fallen

während das Lebensbuch weiterblättert

Ich stehe hier-

ein Blatt ist noch rot…

 

~*~ 

 

© Anne Seltmann















Anne Seltmann 18.10.2018, 18.44 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Natur Donnerstag N° #19/2018



N° #19/2018








Gräser wispern leise im Wind

Sanftes Rauschen

im Spätsommerlicht

Und wir zerfließen im

Hiersein und Nirgendsein.

 

~*~


© Anne Seltmann

 















Anne Seltmann 30.08.2018, 18.05 | (5/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Vormittag am Strand









Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte,
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte,
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.
Nur sie, die Fische, brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis.



~*~



Christian Morgenstern



Anne Seltmann 27.06.2018, 09.42 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

"Segelschiffe" von Joachim Ringelnatz









Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
Und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
mit Herrenblick in die Ferne.

  Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand
  Wie trunkene Schmetterlinge.
  Aber sie tragen von Land zu Land
  Fürsorglich wertvolle Dinge.

    Wie das im Wind liegt und sich wiegt,
    Tauwebüberspannt durch die Wogen,
    Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,
    Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

      Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. -
      Natur gewordene Planken
      Sind Segelschiffe. - Ihr Anblick erhellt
      Und weitet unsre Gedanken.

   
~*~
 
Joachim Ringelnatz     





Anne Seltmann 10.06.2018, 08.53 | (5/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

1. Mai





Maiglöckchen


Läuten kaum die Maienglocken,
leise durch den lauen Wind,
hebt ein Knabe froh erschrocken,
aus dem Grase sich geschwind.
Schüttelt in den Blütenflocken,
seine feinen blonden Locken,
schelmisch sinnend wie ein Kind.

Und nun wehen Lerchenlieder
und es schlägt die Nachtigall,
von den Bergen rauschend wieder
kommt der kühle Wasserfall.
Rings im Walde bunt Gefieder,
Frühling ist es wieder
und ein Jauchzen überall.

~*~

Joseph Freiherr von Eichendorff

(1788-1857)


Anne Seltmann 01.05.2017, 09.20 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Sehnsucht nach der Sehnsucht?




Sehnsucht…

 

ist leben lechzendes Verlangen,

ein Hoffen und bangen


…ist ein Lachen ohne Glück,
  ein Suchen Stück für Stück

 

… ist schlaflose Nacht bei Nacht,

verzehrend bis man erwacht

 

… ist eine traurige Melodie,

eine ungestillte Harmonie



 ~*~



© Anne Seltmann



Anne Seltmann 18.03.2017, 10.52 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Wollte nicht der Frühling kommen?




Wollte nicht der Frühling kommen?
War nicht schon die weiße Decke
von dem Rasenplatz genommen
gegenüber an der Ecke?
Nebenan die schwarze Linde
ließ sogar schon (sollt ich denken)
von besonntem Märzenwinde
kleine, grüne Knospen schwenken.
In die Herzen kam ein Hoffen,
in die Augen kam ein Flüstern –
und man ließ den Mantel offen,
und man blähte weit die Nüstern …

Ja, es waren schöne Tage.
Doch sie haben uns betrogen.
Frost und Sturm und Schnupfenplage
sind schon wieder eingezogen.
Zugeknöpft bis an den Kiefer
flieht der Mensch die Gottesfluren,
wo ein gelblichweißer, tiefer
Schnee versteckt die Frühlingsspuren.
Sturmwind pfeift um nackte Zweige,
und der Rasenplatz ist schlammig.
In mein Los ergeben neige
ich das Auge. Gottverdammich!


~*~

Erich Mühsam 


Anne Seltmann 09.03.2016, 08.28 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Einsiedlers Heiliger Abend



Grafic:© Anne Seltmann






Ich hab' in den Weihnachtstagen -
Ich weiß auch, warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat's an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang's nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: "Herein!"

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

~*~

Joachim Ringelnatz

Anne Seltmann 09.12.2015, 09.38 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

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