Ausgewählter Beitrag
Ich erinnere mich an diese Katze, die früher jeden
Nachmittag gegen vier Uhr auftauchte.
Niemand wusste so genau, wem die kleine getigerte Katze eigentlich gehörte. Die
einen behaupteten, sie käme vom roten Haus am Ende der Straße, andere meinten,
sie habe sich längst selbst adoptiert und betrachte die ganze Nachbarschaft als
persönliches Königreich.
An warmen Tagen legte sie sich bevorzugt dorthin, wo die
Kinder mit Kreide malten.
Mitten in Sonnen, Regenbögen oder krummen Hüpfkästchen.
Die Kinder fanden das großartig.
„Nicht bewegen!, riefen sie dann immer, als wäre die Katze ein seltenes
Kunstwerk, das plötzlich beschlossen hatte, Teil des Bildes zu werden.
Und tatsächlich sah es oft so aus, als hätte jemand sie extra dort platziert—halb im Licht, halb im Schatten, die Pfoten ausgestreckt, völlig unbeeindruckt vom Trubel der Welt.
Einmal malte ein kleines Mädchen einen großen bunten Kreis
um sie herum und schrieb mit krakeligen Buchstaben daneben:
„Hier schläft die Sommerkatze.
Niemand wischte das Bild weg.
Selbst als am Abend ein kurzer Regen kam, blieb ein blasser
Rest der Kreide noch tagelang sichtbar.
Und die Katze?
Die erschien am nächsten Nachmittag wieder, rollte sich genau an dieselbe
Stelle und schlief weiter, als hätte sie einen festen Termin mit dem Sommer.
Anne Seltmann 27.05.2026, 06.50
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