Tag: Gedicht


Inventar der Bäume
Heute tragen die Bäume
ihr zweites Gewicht.
Nicht das der Jahre,
nicht das der Ringe,
sondern ein helles,
geliehenes Weiß.
Jeder Ast
ein vorsichtiges Regal,
auf dem der Winter
sein Geschirr abstellt.
Die Fichten stehen da
wie Tiere, die gelernt haben
ganz still zu atmen.
Birken –
mit Schultern aus Schnee,
als hätten sie sich
für etwas entschuldigt.
Der Garten wird langsam
zu einem Archiv
von Formen, die sonst
nur der Wind kennt.
Man könnte meinen,
die Stämme hörten zu,
wie die Flocken
leise ihren Namen sagen.
Unter der Last
beugen sie sich
in einer geduldigen Grammatik:
Satzzeichen aus Holz und Kälte.
Ich gehe hindurch
und trage das Knirschen
an den Schuhen davon,
als kleine Beweise.
Gegen Abend
wird alles schwerer,
auch das Licht.
Dann hängen die Bäume
voller Schnee
wie unausgesprochene Sätze –
schön
und ein wenig gefährdet.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 15.01.2026, 10.37 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


ich legte meine hände
unter die nacht
als wäre sie ein tier,
scheu
und von fernem wasser
der mond hing dort
nicht wie ein zeichen
sondern wie ein atem,
unentschlossen
zwischen gehen und bleiben
ich sagte nichts
damit er nicht kleiner wird
ich zählte nur die stellen
an denen das licht
nicht mehr wusste, wohin
später
war er schwerer als gedacht
schwer wie erinnerungen,
die man zu lange
im stillen dreht
ich trug ihn
ein stück durch die straßen,
über die dächer,
bis er anfing
mich zu tragen
und irgendwo
zwischen schatten und schlaf
ließ ich ihn los -
und die nacht
hüllte mich ein
und blieb
~*~

Anne Seltmann 05.01.2026, 05.02 | (3/2) Kommentare (RSS) | TB | PL


das boot
liegt am strand
die planken müde
vom salz und wind
kein mensch
kein laut
nur das weiche
rauschen der see
ich gehe näher
die einsamkeit
legt sich wie ein tuch
über meine schultern
ein moment
der bleibt
zwischen land und wasser
zwischen gehen
und ankommen
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 31.12.2025, 07.55 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Wenn die Tage leiser werden
und das Licht weicher fällt,
möge ein Moment der Ruhe
bei euch einkehren.
Ich wünsche euch Weihnachten
mit kleinen Wundern,
warmen Gedanken
und Augenblicken,
die bleiben dürfen.
Danke, dass ihr hier lest,
mitgeht, innehaltet.
Möge euch das kommende Jahr
sanft begegnen.
Frohe Weihnachten!

Anne Seltmann 24.12.2025, 01.00 | (6/0) Kommentare (RSS) | TB | PL


ich träume mich an den strand,
nicht in postkartenfarben,
sondern in diese leise fläche,
die von weite spricht,
ohne ein wort zu kennen.
das meer nimmt meine gedanken auf,
wie ein archiv der dinge,
die nie gesagt wurden.
es lässt sie treiben,
knapp unter der oberfläche,
wo sie nicht entscheiden müssen
zwischen sinken und schweben.
ich träume mich an den strand,
wo jede welle ein versuch ist,
neu zu beginnen,
wo das salz sich mischt
mit dem, was ich festhalte
und dem, was ich endlich loslasse.
vielleicht bin ich nicht angekommen.
vielleicht reicht es,
in der bewegung zu bleiben,
dorthin zu träumen,
wo das meer spricht:
wirf dich hinein.
ich trag dich eine weile.
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 26.11.2025, 08.38 | (7/5) Kommentare (RSS) | TB | PL


licht kippt.
haut aus staub, mund aus echo
die bühne atmet – zögernd, dann zu viel
eine stimme fällt
zwischen zwei sätzen.
niemand hebt sie auf
im publikum: augen, die nicht wissen
wem sie gehören
textfetzen wie nägel im holz,
schmerzhaft ordentlich
wer spielt hier wen
licht wieder an.
alles bleibt gestellt
niemand geht
niemand bleibt
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 14.10.2025, 06.20 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Es ist nicht die Stille selbst, die schwer zu ertragen ist. Es ist das, was in ihr lebt. Dieses kaum hörbare Wispern, das aus allem zu kommen scheint – aus der Uhr, die unregelmäßig atmet, aus dem Holz, das sich dehnt und wieder zusammenzieht, als suchte es nach einer Erinnerung an Wärme. Selbst das Licht scheint nach etwas zu greifen, das ihm entglitten ist.
Man sitzt da, hört dem Haus zu und spürt, dass alles um einen herum genauso einsam ist wie man selbst. Der Tisch, der Stuhl, die Schatten, selbst die Luft, die sich kaum bewegt. Nur das ferne Rauschen der Welt dringt noch herein – Stimmen, Schritte, das Leben der anderen, gedämpft, wie aus einer anderen Zeit.
Einsamkeit ist nicht das Fehlen von Menschen. Sie ist das Bewusstsein, dass selbst Nähe manchmal keine Brücke schlagen kann, wenn im Inneren Schweigen herrscht. Und vielleicht ist das der Moment, in dem man lernt, dieser Stille zuzuhören – nicht, weil sie Trost spendet, sondern weil sie endlich ehrlich ist.
Anne Seltmann 10.10.2025, 07.44 | (4/3) Kommentare (RSS) | TB | PL

[KI generiertes Bild / Text © Anne Seltmann]

als sie die woche teilte
war es kein schnitt
sondern ein atemzug
das schwert lag still
auf der grenze zwischen dienstag und vergessen
sie stand dort
wie licht, das sich nicht mehr erinnert
woher es kommt
die tage
zogen in reih und glied
durch ihren blick
sie ließ sie gehen
eins nach dem andern
ohne schmerz
nur ein leises klingen
wie von wasser, das sich trennt
am ende blieb
eine halbe woche
und der gedanke
dass auch stille
schneiden kann
~*~
© Anne Seltmann

Anne Seltmann 08.10.2025, 17.46 | (0/0) Kommentare | TB | PL


meerweite
ich stehe
wo das wasser beginnt
und alles andere aufhört
die weite ist kein ort
sie ist ein denken in blau
ein vergessen der richtung
möwen kreisen
als wüssten sie
dass auch kreise
endlich sind
das meer trägt
und nimmt
im selben moment
ich bleibe
im wind
unentschieden
zwischen schritt
und schweben
~*~
© Anne Seltmann


Anne Seltmann 08.10.2025, 08.46 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL


asphalt, noch warm vom tag.
linien ziehen ordnung in das atmen,
rechtecke, gezähmte flächen,
kein ort, nur funktion.
stille tropft aus den stoßstangen,
irgendwo blinkt ein rest von gestern.
hier steht alles still,
doch nichts bleibt.
zeit hält an,
in parkposition.
und irgendwo im lack
spiegelt sich das warten
wie ein versprechen,
das keiner einlöst.
Anne Seltmann 07.10.2025, 07.47 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL