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Tag: Fremdwort

Sprachsalat à la carte





 Intransigenz – oder: Warum manche Menschen sogar mit einer Wand diskutieren würden, wenn sie sicher wären, dass die Wand zuerst nachgibt.

Es gibt Wörter, die klingen, als hätte man beim Scrabble sämtliche Buchstaben übrig gehabt, die sonst keiner wollte. *Intransigenz* gehört definitiv dazu.

In-transi-genz ist die wunderbare Fähigkeit, auf seiner Meinung zu beharren. Und zwar unter allen Umständen. Selbst dann, wenn die Umstände längst die Koffer gepackt haben.

Der intransigente Mensch ist nämlich nicht einfach nur stur. Nein, das wäre viel zu gewöhnlich. Er ist stur mit akademischem Anspruch.

Während andere noch überlegen, ob sie vielleicht einen Fehler gemacht haben könnten, hat der Intransigente seine Meinung bereits einbetoniert und vorsichtshalber ein Schild angebracht: **Änderungen sind grundsätzlich ausgeschlossen.**

Ein kleines Beispiel: Du sagst, es regnet. Dein Gegenüber widerspricht. Du zeigst aus dem Fenster. Es schüttet wie aus Eimern. Die Antwort: „Das ist kein richtiger Regen. Früher hat es viel mehr geregnet!

Aha. Diskussion beendet, Wirklichkeit erfolgreich ignoriert.

Natürlich ist es gut, eine eigene Meinung zu haben. Aber man darf sie gelegentlich auch überprüfen. Der Kopf ist schließlich kein Museum, in dem jede alte Überzeugung unter Denkmalschutz steht.

Und wenn zwei intransigente Menschen aufeinandertreffen, entsteht ein Gespräch ohne Ausfahrt. Beide fahren im Kreis und sind überzeugt, dass alle anderen falsch abgebogen sind.

Mein Fazit: Manchmal ist es keine Niederlage, seine Meinung zu ändern. Es ist einfach gesunder Menschenverstand.

Und wer grundsätzlich niemals irrt, baut vermutlich gerade ein Ferienhaus auf dem Holzweg. Mit Meerblick. Obwohl gar kein Meer da ist.





Anne Seltmann 10.10.2026, 05.57 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sprachsalat à la carte

[Bild KI generiert]


Parvenü

Ein Parvenü ist jemand, der plötzlich zu Geld, Einfluss oder gesellschaftlichem Ansehen gekommen ist – und nun mit aller Kraft beweisen möchte, dass er schon immer genau dorthin gehört hat.

Kurz gesagt: Gestern noch Hinterhof, heute schon goldene Türklinke – und bitte alle schön hinschauen!

Der Parvenü liebt Statussymbole. Ein großes Auto? Muss sein. Eine protzige Uhr? Natürlich. Ein möglichst wichtig klingender Name auf der Einladungsliste? Unbedingt. Und wenn er beim Champagnertrinken ganz nebenbei erwähnt, was die neue Designercouch gekostet hat, dann war das selbstverständlich nur eine beiläufige Information.

Das Wort kommt übrigens aus dem Französischen „parvenu und bedeutet sinngemäß „Emporgekommener.

Merksatz:

Ein Parvenü ist jemand, der die gesellschaftliche Leiter hochgeklettert ist – und oben angekommen erst einmal überprüft, ob auch wirklich alle gesehen haben, wie er das geschafft hat





Anne Seltmann 29.09.2026, 05.38 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sprachsalat à la carte


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]


Habituell – wenn Gewohnheit plötzlich vornehm klingt

Es gibt Wörter, die machen aus einer ganz normalen Sache etwas Wissenschaftliches.

Zum Beispiel:
„Ich mache das immer so.

Klingt ziemlich unspektakulär.

Sagt man dagegen:

„Das ist bei mir habituell.

– und schon hat man den Eindruck, man hätte mindestens drei Semester Verhaltensforschung studiert. Dabei bedeutet habituell im Grunde nichts anderes als gewohnheitsmäßig, zur Gewohnheit geworden oder regelmäßig auf eine bestimmte Art und Weise geschehen. Habituell ist also beispielsweise, wenn ich morgens aufstehe und zuerst Kaffee brauche. Nicht vielleicht. Nicht gelegentlich. Nein. Habituell. Wenn ich beim Einkaufen immer denselben Weg durch den Supermarkt nehme, obwohl der andere viel kürzer wäre: habituell. Wenn ich den Kühlschrank öffne, obwohl ich genau weiß, dass seit zehn Minuten nichts Neues hineingekommen sein kann: ebenfalls habituell.

Und wenn ich sage:
„Ich schaue nur ganz kurz bei Facebook vorbei, und 47 Minuten später immer noch dort bin …

Nun ja. Habituell. Sehr habituell.

Das Schöne an diesem Wort ist, dass es sogar unseren kleinen Macken einen gewissen wissenschaftlichen Glanz verleiht.

„Ich kann nicht schlafen, wenn die Schranktür offensteht klingt nach einer persönlichen Eigenart.

„Ich zeige ein habituelles Bedürfnis nach geschlossenen Schranktüren.

Na bitte! Schon klingt es fast nach Forschungsprojekt.

Auch beim Essen sind wir erstaunlich habituell. Wir haben unsere Tasse, unseren Platz am Tisch, unsere Lieblingsseite der Zeitung und natürlich die eine ganz bestimmte Art, wie das Brot geschnitten werden muss. Wer daran etwas verändert, gefährdet möglicherweise den häuslichen Frieden.

Und dann gibt es die wirklich hartnäckigen Gewohnheiten: Man schaut auf die Uhr, obwohl man gerade erst auf die Uhr geschaut hat.

Man sucht die Brille und trägt sie bereits auf der Nase. Man geht in einen Raum und weiß nicht mehr, warum. Man nimmt das Handy in die Hand, obwohl man eigentlich nur den Timer für die Kartoffeln stellen wollte.

Das alles ist nicht zerstreut. Das ist habituell!

Ich finde, wir sollten überhaupt viel großzügiger mit diesem Wort umgehen.

Wenn jemand fragt:

„Warum machst du das eigentlich immer so? Dann einfach ganz gelassen: „Das ist habituell.

Und schon muss man sich nicht weiter erklären.




Anne Seltmann 18.08.2026, 13.49 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL