Tag: Blumen

Neulich in meinem Lieblingsgartencenter trat ich durch die Tür und sofort schlug mir ein Duft entgegen, als hätte jemand Sommer und Herbst in einen Atemzug gelegt. Ich blieb stehen, denn vor mir schimmerte ein Blütenmeer, das nicht von dieser Welt zu sein schien.
Die Rosen reckten ihre Hälse, als wollten sie mir zuwinken. Eine besonders stolze, tiefrote Rose flüsterte: „Sieh her, wir sind die Erinnerung an jedes Herzklopfen, das du je gespürt hast.“ Die zarten Roséfarben daneben kicherten, als wollten sie Geheimnisse weiterreichen, die nur zwischen Blütenblättern sicher aufgehoben sind.
Die Dahlien wirkten wie launige Tänzerinnen. „Wir sind das Feuerwerk des Gartens“, rief eine rote, während ihre Blütenblätter wie kleine Flammen leuchteten. „Wenn du uns ansiehst, musst du lachen, auch wenn der Himmel grau ist.“
Und dann die Chrysanthemen, unzählige kleine in hellem Rot. Sie summten miteinander wie ein Chor: „Wir sind die Wächterinnen des Übergangs, wir tragen dich vom Sommer in den Herbst, ohne dass du es merkst.“
Ich blieb mitten zwischen ihnen stehen, lauschte und lächelte. Das Gärtencenter war längst kein Verkaufsraum mehr, sondern ein Garten voller Stimmen, Geschichten und Lieder. Für einen Moment war ich Teil davon – und ich wusste, dass ich, wenn ich nach Hause ginge, mindestens eine dieser Stimmen mitnehmen musste.
Anne Seltmann 29.08.2025, 07.32 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Gerbera, wie wir sie heute kennen, wurde im 19. Jahrhundert in Südafrika entdeckt. Ein schottischer Botaniker namens Robert Jameson fand 1884 in der Nähe von Barberton eine auffällig strahlende Wildblume, die von den Einheimischen wegen ihrer leuchtenden Farben geschätzt wurde. Sie wirkte wie eine Sonne auf einem Stiel, und die Legende vor Ort besagte, dass die Blume aus dem Lächeln eines Mädchens entstand, das alle im Dorf glücklich machte. Als das Mädchen starb, soll an ihrer Grabstelle diese Blume gewachsen sein, die fortan das Licht und die Freude ihres Wesens in die Welt trug.
Später brachten Botaniker die Gerbera nach Europa, wo sie in England und den Niederlanden gezüchtet wurde. Heute ist sie eine der beliebtesten Schnittblumen weltweit – nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch, weil sie in der Blumensprache für Aufrichtigkeit, Wertschätzung und Lebensfreude steht.


Anne Seltmann 08.08.2025, 07.14 | (0/0) Kommentare | TB | PL


Heute schenke ich mir Löwenmäulchen
weil etwas in mir
nach sanfter Farbe ruft
die Stiele tragen
ein Gewicht aus nichts
nur Atem und Regenreste
ein paar Blüten
sehen mich an
als wüssten sie mehr
von all den Stunden
die ich nicht benennen kann
ich stelle sie ins Fenster
und warte
bis das Licht
ihnen und mir
denselben Frieden schenkt



Anne Seltmann 01.08.2025, 10.28 | (0/0) Kommentare | TB | PL


nichts ist gelb
es ist nur eine art
zu leuchten
der stiel grün
von schwerkraft
als wüchse er immerzu
zu jemandem hin
eine mitte,
so groß
dass sich bienen verlieren
wie erinnerungen
im wendekreis
du nennst es
blühen
ich nenne es
sich zeigen
bis zur erschöpfung
manchmal
steht eine allein
am wegrand
und ist doch
eine ganze
sonne
~*~
© Anne Seltmann


Anne Seltmann 18.07.2025, 06.01 | (0/0) Kommentare | TB | PL


mohn
eine mohnblume
im grün
kein ort für rot
und doch
sie steht
als wüsste sie nichts
vom auffallen
der wind
streicht vorbei
wie ein vergessenes wort
vielleicht
war sie nie gedacht
vielleicht
ist sie deshalb geblieben


Anne Seltmann 11.07.2025, 08.10 | (3/3) Kommentare (RSS) | TB | PL


die blume vergeht
bevor ich sie halten kann
ein schmetterling
streift mich
wie erinnerung
nichts bleibt
als das rot
im verschwinden

Anne Seltmann 04.07.2025, 06.20 | (2/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Hasenglöckchen – ein leiser Gruß aus dem Schatten
Man muss schon genau hinsehen, um es zu entdecken – das Bastard-Hasenglöckchen. Kein lauter Frühblüher, kein Geltungsdrang. Stattdessen: Zartheit. Zurückhaltung. Eine stille Schönheit, die gern am Wegesrand steht oder unter alten Bäumen, dort, wo das Licht gefiltert auf den Waldboden fällt.
Die nickenden, glockenförmigen Blüten erinnern an kleine Gebete an den Wind. Als würden sie etwas sagen wollen, das nur der hören kann, der still genug ist. Das Bastard-Hasenglöckchen ist eine Zwischenform – entstanden aus dem wilden Spanischen Hasenglöckchen und unserem heimischen Blauen. In ihm schwingt beides mit: das Temperament des Südens und das feine Maß des Nordens.
Wer sich Zeit nimmt, dem begegnet mehr als eine Pflanze. Da ist plötzlich ein Bild aus Kindheitstagen. Vielleicht ein Frühlingsspaziergang mit einer warmen Hand in der eigenen. Ein Duft von Erde und Licht. Eine Ahnung von Geschichten, die früher am Waldrand erzählt wurden, leise genug, damit sie nicht davonfliegen.
Das Bastard-Hasenglöckchen will nichts. Es wartet nicht auf Applaus. Es schenkt sich – einfach so. Für einen Moment. Für einen Blick. Und wenn man sich abwendet, läutet es vielleicht noch einmal, ganz leise, hinterher.
Anne Seltmann 27.06.2025, 05.31 | (0/0) Kommentare | TB | PL


Mohnblumen, vielleicht
sie fallen
nicht einfach aus dem feld
sie lösen sich
aus windhaut
aus morgenrot
aus erinnerung
zwischen ihren blättern
zittert ein wort
das keiner sagt
ein roter versprecher
aus licht
manchmal
stehen sie da
wie offene briefe
ohne empfänger
an die stille gerichtet
und alles
was bleibt
wenn der sommer
sich zurückzieht
ist dieser hauch
aus farbe
und vergessen

13.06.2025, 10.44 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Manchmal brauchen Tage kein großes Feuerwerk, sondern nur einen stillen Moment, in dem sich das Wesentliche zeigt –
im Flirren der Luft, im Spiel der Blätter, in der Ahnung, dass etwas Größeres über uns wacht.
Pfingsten ist so ein Tag. Ein Tag des Innehaltens, des Aufatmens, des offenen Fensters zur Welt.
Ich wünsche euch allen frohe Pfingstage!

Anne Seltmann 07.06.2025, 06.44 | (4/4) Kommentare (RSS) | TB | PL

Der Name Stiefmütterchen hat eine spannende und symbolträchtige Herkunft – er geht auf eine alte volkstümliche Deutung der Blüte zurück. Dabei steht das Aussehen der Blüte Pate für eine kleine "Familiengeschichte":
Die Blüte hat fünf Blütenblätter in zwei Farben und Größen. Man stellte sich vor:
Das große untere Blütenblatt ist die Stiefmutter – sie sitzt bequem auf zwei "Sesseln" (den beiden Kelchblättern darunter).
Die beiden mittleren seitlichen Blütenblätter sind die leiblichen Töchter der Stiefmutter – auch sie haben je einen "Sitz" (Kelchblatt).
Die beiden oberen, kleineren Blütenblätter sind die Stieftöchter – sie stehen und haben keinen Sitzplatz.
Die Pflanze wurde so zu einem Bild für Ungleichheit und Benachteiligung – typisch für das überlieferte Märchenmotiv der strengen Stiefmutter.
Anne Seltmann 06.06.2025, 06.10 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL