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Tag:

Juna und der Orca



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



Juna hatte schon immer das Gefühl, dass das Meer sie kannte.

Nicht nur mochte.

Nicht nur duldete.

Nein – es kannte sie, wie man einen Namen kennt, der einem einmal wichtig war.

Jeden Abend ging sie an den Steg, setzte sich und sprach mit den Wellen, als könnten sie antworten.

„Wenn du Geheimnisse hast, sagte sie zum Meer,

„dann darfst du sie mir erzählen.

Eines Abends war das Wasser ungewöhnlich still.

Der Wind hatte aufgehört, an den Dünen zu zupfen, und selbst die Möwen schienen zu lauschen.

Dann brach etwas Dunkles durch die Oberfläche.

Ein Rücken, schwarz wie Mitternacht.

Eine Flosse, hoch und glänzend.

Ein Orca.

Juna hielt den Atem an.

Der Orca kam näher, langsam, lautlos, bis seine Augen sie fanden – tief, klug, beinahe menschlich.

„Du hast lange genug gefragt, sagte eine Stimme.

Juna sah sich um.

Niemand war da.

„Hier, sagte die Stimme wieder, warm wie tiefer Donner.

Der Orca neigte den Kopf.

„Manchmal antwortet das Meer.

Juna trat bis zu den Knöcheln ins Wasser.

„Kannst du sprechen?

„Nur mit denen, die zuhören können.

Von diesem Abend an kam der Orca jede Nacht.

Er erzählte ihr von Städten aus Korallen unter dem Meer,

von Schiffen, die auf dem Grund schlafen,

von Walen, die Lieder kennen, älter als jede Sprache.

Und Juna erzählte ihm von der Welt an Land:

von Vögeln, die im Regen baden,

von Apfelkuchen,

und davon, wie sich Einsamkeit manchmal anfühlt.

 

„Die Menschen glauben oft, sagte der Orca eines Nachts,

„dass sie allein sind mit dem, was sie fühlen.

Dabei trägt jedes Wesen seine eigene Tiefe.

Juna legte die Hand auf seine nasse Stirn.

„Wirst du immer kommen?

Der Orca schwieg lange.

Dann sagte er:

„Nichts, was magisch ist, bleibt für immer.

Aber manches bleibt lange genug, um ein Herz zu verändern.

 

Und eines Morgens war das Meer wieder nur Meer.

Der Orca kam nicht mehr.

Doch wann immer Juna später Angst hatte,

oder sich klein fühlte in einer lauten Welt,

ging sie an den Strand.

Und irgendwo weit draußen

hob sich manchmal eine schwarze Flosse

für einen einzigen Augenblick

aus den Wellen.

Nur damit sie wusste:

 

Manche Freundschaften

verschwinden nicht.

Sie lernen nur, aus der Ferne zu leuchten.


© Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 16.37 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Pina Teil II ...


Die Reise der verlorenen Wünsche


[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]



In der folgenden Nacht konnte Pina nicht schlafen.

Der Mond lag wie ein silbernes Versprechen über der Wiese, und etwas zog an ihr – leise, kaum spürbar, aber doch unübersehbar. Es war, als würde der Wind ihren Namen kennen.

„Pina…

Sie setzte sich auf, lauschte.

Da war es wieder. Kein Geräusch, kein Wort – eher ein Gefühl. Ein Ziehen in ihrem Herzen, leicht wie ein Hauch.

Sie flog los.

Über Gräser, die im Mondlicht schimmerten, über Blüten, die sich längst geschlossen hatten. Und dann sah sie sie.

Die Samen der Pusteblume.

Doch sie tanzten nicht mehr frei im Wind. Einige hingen schwer in der Luft, als hätten sie sich verirrt. Andere lagen still im Gras, als hätten sie ihren Weg verloren.

Pina flog näher.

„Was ist mit euch geschehen?, fragte sie leise.

Ein kaum hörbares Flüstern antwortete:
„Die Wünsche… wurden nicht zu Ende gedacht.

Pina runzelte die Stirn. „Was bedeutet das?

„Manche Wünsche, wisperte ein Samen, „werden begonnen… aber nicht geglaubt.

Die kleine Elfe spürte, wie etwas in ihr still wurde.

Sie streckte vorsichtig ihre Hand aus und berührte einen der Samen.

Augenblicklich sah sie Bilder.

Ein Kind, das sich etwas wünschte – und dann vergaß.
Ein Mensch, der hoffte – und dann zweifelte.
Ein Traum, der begann – und nicht weiterging.

Pina zog die Hand zurück.

„Können sie ihren Weg nicht allein finden?

„Nur, wenn jemand ihnen hilft, wieder leicht zu werden.

Die Elfe sah in den Himmel. Der Mond schwieg, aber sein Licht schien heller zu werden.

„Dann…, sagte Pina langsam, „bleibe ich bei euch.

Sie setzte sich ins Gras und begann, ganz leise, die Wünsche weiterzudenken.

Für jeden Samen ein kleines bisschen Hoffnung.
Für jeden Traum ein Stück Vertrauen.

Und nach und nach begannen die Samen wieder zu leuchten.

Erst schwach.
Dann stärker.

Einer nach dem anderen hob sich in die Luft, als hätten sie sich erinnert, wie man fliegt.

Pina lächelte.

„Geht nur, flüsterte sie. „Die Welt wartet auf euch.

Und als der erste Morgenhauch über die Wiese strich, war kein einziger verlorener Wunsch mehr zurückgeblieben.

Nur Pina saß noch da.

Und diesmal wusste sie ganz sicher:
Zauber war nicht nur etwas, das man findet.

Manchmal war er etwas,
das man weiterträgt.


 © Anne Seltmann




Anne Seltmann 14.04.2026, 06.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Montagsherz N° 657





Ein Herz sagt „Auf Wiedersehen"
und bleibt doch noch einen Moment.

Als hätte es Zeit,
sich sanft von uns zu lösen.

Der Montag geht nicht einfach vorbei –
er legt sich leise ab

und wartet irgendwo darauf,
dass wir ihn wiederfinden.


Nun möchte ich eure Herzen finden. Ich bin gespannt!


Nächster Termin:

27. April 2026



Montagsherz...





Anne Seltmann 13.04.2026, 05.00 | (4/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Hand aufs Herz





Worüber machst du dir im Hinblick auf die Zukunft
am meisten Sorgen?

 

So taff ich meist durchs Leben gehe, gibt es doch Gedanken, die mir Angst machen. Der größte ist der, meinen Mann eines Tages zu verlieren – weil ich mir kaum vorstellen kann, wie ein Leben aussehen soll, in dem ausgerechnet dieser Mensch fehlt. 

Und dann sind da meine Enkelkinder. Wenn ich auf ihre Zukunft blicke, sorge ich mich, dass ihnen die Welt vieles nehmen könnte, was für meine Kindheit selbstverständlich war: Unbeschwertheit, Sicherheit, die Freiheit, einfach Kind sein zu dürfen. Vielleicht fürchte ich am meisten nicht das Älterwerden selbst, sondern eine Zukunft, in der die Menschen, die ich liebe, weniger Leichtigkeit erfahren, als sie verdienen!





Anne Seltmann 12.04.2026, 07.12 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Weisheiten am Samstag N° 93







Anne Seltmann 11.04.2026, 15.54 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Floral Friday 2026 N° 04



[Archivbild]




Zwischen Farbe und Wind

 

zwischen den stängeln

die sich nicht entscheiden

ob sie stehen oder fließen


ein atmen aus farbe

das keiner ordnet

 

rosa tastet sich an orange vorbei

blau behauptet nichts

gelb fällt einfach ins licht

 

du siehst:

wie alles gleichzeitig geschieht

und nichts darauf wartet

benannt zu werden

 

die wiese—kein ort

eher ein geschehen

 

hier

verliert sogar der wind

kurz die richtung

und bleibt

 

in einem blütenrand hängen

 

als hätte jemand

für einen moment

 

die welt nicht erklärt

sondern

offen gelassen

~*~


© Anne Seltmann











Anne Seltmann 10.04.2026, 09.19 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Marius Nature Thursday 2026 N° 11





sie stehen nicht lange

und doch stehen sie

als hätten sie zeit

 

ein rund

aus weiß

so leicht

dass es fast schon

verschwindet

im sehen

 

man könnte glauben

sie warten

 

aber worauf

 

nicht auf uns

nicht auf das bleiben

 

eher

auf ein lösen

 

der wind kommt

ohne sich anzukündigen

 

streift nur

und schon beginnt es

 

kein plötzlich

kein bruch

 

mehr ein nachgeben

 

ein samen

dann noch einer

 

als würde sich etwas erinnern

dass es nie gehalten war

 

sie gehen

nicht weg

 

sie verteilen sich

 

in richtungen

die niemand benennt

 

und das feld

verändert sich

ohne sich zu bewegen

 

es wird leerer

und gleichzeitig weiter

 

man steht davor

und versteht es nicht ganz

 

dieses

fast

 

dieses

gleich nicht mehr

 

und doch

 

bleibt etwas

 

nicht sichtbar

nicht greifbar

 

eher ein wissen

 

dass nichts

dafür gemacht ist

zu bleiben

 

und dass genau darin

 

eine form

von leichtigkeit liegt


~*~

© Anne Seltmann








Anne Seltmann 09.04.2026, 05.58 | (4/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Miau-velous Moments N° 61




Es war einer dieser ruhigen Nachmittage, an denen nichts wirklich passiert. Das Fenster stand einen Spalt offen, draußen bewegten sich die Blätter kaum, und das Licht fiel weich in den Raum. Der Platz auf dem Sofa war eben noch frei gewesen. Ein Kissen, leicht eingedrückt, noch warm von dem, der gerade aufgestanden war. Es dauerte nicht lange. Als wäre sie gerufen worden, kam die Katze lautlos ins Zimmer. Kein Zögern, kein Suchen. Sie sprang auf das Sofa, setzte eine Pfote nach der anderen genau dorthin, wo eben noch jemand gesessen hatte. Sie drehte sich einmal, zweimal, bis alles passte. Dann legte sie sich.

Der Körper wurde weich, der Atem ruhig. Die Augen schlossen sich, aber nicht ganz. Ein schmaler Spalt blieb, als würde sie die Welt nicht völlig loslassen wollen. Als der Mensch zurückkam, blieb er stehen. Der Platz war nicht mehr frei.Typisch!





>> Christianes Doseninhalte <<





Anne Seltmann 08.04.2026, 08.40 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Maritimer Mittwoch N° 248




Zwischen Möwen, Wasser und alten Kuttern:
mein Name.
Auf einem Schiff.
Einfach so. 
Kein Fake!






Anne Seltmann 08.04.2026, 06.23 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Pina Teil I ...

und das Geheimnis der fliegenden Wünsche



[Bild KI generiert / Text © Anne Seltmann]




Auf einer stillen Wiese, dort wo der Wind nur flüstert und das Licht sich in den Halmen verfängt, lebte eine kleine Elfe namens Pina. 

Sie war neugierig, flink und kannte jede Blume beim Namen – dachte sie zumindest.

Eines Morgens blieb sie verwundert stehen.

Vor ihr wuchs eine Pflanze, die sie so noch nie beachtet hatte. Ein dünner Stängel, darauf eine runde, weiße Kugel, so leicht, dass sie bei jedem Hauch zu zittern schien.

„Was bist du denn?, fragte Pina und neigte den Kopf.

„Ich bin nur eine Pusteblume, wisperte es leise.

„Nur?, wiederholte die Elfe und trat näher. „Du siehst aus wie ein kleines Geheimnis.

Die Pusteblume schwieg einen Moment, dann löste sich ein einzelnes Samenkorn und tanzte in die Luft.

Pina folgte ihm mit den Augen. Und da geschah etwas Seltsames.

Für einen winzigen Augenblick veränderte sich die Welt.

Die Wiese leuchtete heller. Die Luft schimmerte. Und Pina hatte das Gefühl, als würde sie sich an etwas erinnern, das sie nie erlebt hatte.

„Warst du das?, flüsterte sie.

„Vielleicht, antwortete die Pusteblume sanft. „Vielleicht trage ich Wünsche.

„Wünsche? Aber die erfüllen doch nur wir Elfen!, sagte Pina erstaunt.

Ein leises Lachen ging durch die feinen Samen.

„Ihr Elfen gebt den Wünschen eine Stimme, sagte die Blume. „Ich gebe ihnen Flügel.

Wieder löste sich ein Samen, dann noch einer, und noch einer. Sie stiegen auf, getragen vom Wind, und mit jedem einzelnen wurde die Welt ein kleines bisschen weiter, ein kleines bisschen heller.

Pina setzte sich ins Gras und sah zu.

„Und wenn niemand sich etwas wünscht?, fragte sie nach einer Weile.

„Dann trage ich Träume, antwortete die Pusteblume.

Die Elfe lächelte. So etwas hatte sie noch nie gehört. Eine Blume, die Wünsche fortträgt, leise, unsichtbar, ohne dass jemand es merkt.

„Du bist gar nicht nur eine Pusteblume, sagte sie schließlich.

„Nein, flüsterte die Blume. „Aber die meisten sehen nicht genau hin.

Der Wind wurde stärker.

Die weiße Kugel löste sich langsam auf, ein Samen nach dem anderen, bis nur noch der Stängel blieb.

Pina blieb noch lange sitzen.

Und als sie später davonflog, nahm sie sich vor, von nun an jede noch so kleine Blume genau anzusehen.

Denn vielleicht, dachte sie,

war die Welt voller Zauber –

man musste nur lernen, ihn zu erkennen.

 

© Anne Seltmann




Anne Seltmann 07.04.2026, 09.05 | (0/0) Kommentare | TB | PL