Tag: Geschichte

Zoe war ein kleiner Bär.
Nicht besonders groß, nicht besonders mutig und schon gar nicht besonders laut. Wenn andere Bären brummten, dass der Wald ihnen gehörte, sagte Zoe meistens gar nichts. Sie setzte sich lieber auf ihren kleinen Hügel, zog die Beine an den Körper und schaute hinauf zum Himmel.
Denn Zoe liebte die Sterne.
Jede Nacht kamen sie heraus, einer nach dem anderen. Manche waren hell und groß, andere so winzig, dass man sie beinahe übersehen konnte. Zoe aber übersah keinen einzigen.
Sie kannte ihre Lieblingssterne sogar beim Namen.
Da war der kleine Flimmerstern über dem alten Birkenwald. Der wandernde Stern, der jeden Abend ein Stück weiter nach rechts zu rücken schien. Und ganz oben, beinahe am Rand des Himmels, leuchtete ein besonders heller Stern.
Den nannte Zoe Hoffnung.
Warum, wusste sie selbst nicht genau.
Vielleicht, weil er immer da war.
Auch in den Nächten, in denen Wolken den Himmel verschluckten. Auch wenn der Wind heulte und Zoe sich unter ihrem alten roten Tuch verstecken musste. Und sogar dann, wenn sie selbst nicht wusste, wohin ihr Weg eigentlich führen sollte.
Eines Abends geschah etwas Merkwürdiges.
Zoe saß wie immer auf ihrem Hügel und betrachtete die Sterne, als plötzlich ein winziges Licht vom Himmel fiel.
Es fiel nicht schnell.
Es schwebte.
Erst sah es aus wie ein Staubkorn, dann wie eine Glühwürmchenlaterne und schließlich wie ein kleiner goldener Funke.
Plopp.
Der Funke landete direkt neben Zoes Pfote.
Zoe starrte ihn an.
Der Funke starrte zurück.
„Bist du ein Stern?, fragte Zoe vorsichtig.
„Noch nicht, antwortete der Funke.
Zoe erschrak so sehr, dass sie beinahe rückwärts den Hügel hinuntergerollt wäre.
„Du kannst sprechen!
„Du doch auch, sagte der Funke.
Das fand Zoe einleuchtend.
Eine Weile saßen die beiden einfach nebeneinander.
Dann erzählte der kleine Funke, dass er sich verirrt hatte. Er sollte eigentlich wieder zurück an den Himmel, aber er wusste nicht mehr, welcher Weg nach oben führte.
Zoe blickte hinauf.
Der Himmel war riesig.
Und plötzlich fühlte sich ihr eigener kleiner Körper noch kleiner an.
„Ich weiß auch nicht, wie man zum Himmel kommt, sagte sie.
„Aber du schaust jeden Abend hinauf.
„Ja.
„Dann weißt du mehr als ich.
Zoe musste lächeln.
Sie nahm den kleinen Funken vorsichtig in ihre Pfote und begann loszugehen.
Sie liefen durch das hohe Gras, vorbei an den schlafenden Bäumen und über einen kleinen Bach. Zoe wusste nicht, wohin sie gingen. Aber sie wusste, dass sie nicht aufgeben wollte.
Als sie den höchsten Punkt des Hügels erreichten, blieb Zoe stehen.
„Und jetzt?
Der Funke begann plötzlich heller zu leuchten.
Über ihnen öffnete sich eine kleine Lücke zwischen den Wolken.
Ein einzelner Stern strahlte hindurch.
Hoffnung.
„Da, sagte Zoe.
Der Funke hob sich aus ihrer Pfote.
„Danke.
„Kommst du wieder?, fragte Zoe.
„Immer wenn du nach oben schaust.
Und dann flog er hinauf.
Immer höher.
Bis er schließlich zwischen den Sternen verschwand.
Zoe blieb noch lange sitzen.
Sie sah zum Himmel und entdeckte dort einen neuen, winzig kleinen Stern.
Er war nicht besonders hell.
Aber er war da.
Zoe lächelte.
Seit dieser Nacht wusste sie etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte:
Man muss nicht groß sein, um ein Licht zu finden.
Manchmal reicht es, den Blick zu heben.
Und manchmal reicht es sogar, für jemanden anderes ein kleines Licht zu sein.
Anne Seltmann 30.08.2026, 09.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sie sehen harmlos aus.
Weiße Weste, unschuldiger Blick, ein bisschen Wind im Gefieder.
Lassen Sie sich nicht täuschen!
Möwen sind die Kleinkriminellen der Küste. Sie lauern auf Fischbrötchen, Pommes und Eis und haben dabei keinerlei Skrupel, sich über geltendes Eigentumsrecht hinwegzusetzen.
Der Ablauf ist immer derselbe:
Eine Möwe beobachtet das Opfer.
Eine zweite gibt das Zeichen.
Die dritte stürzt sich auf die Beute.
Und plötzlich fehlt die Hälfte vom Brötchen.
Das Perfide: Sie zeigen keinerlei Schuldbewusstsein. Statt sich davonzumachen, setzen sie sich drei Meter entfernt hin und schauen dich an, als wärst du gerade beim Klauen erwischt worden.
Bei Pommes kennen sie überhaupt keine Grenzen mehr. Da wird nicht gefragt, da wird konfisziert.
Und wehe, du wagst es, dein Essen zu verteidigen. Dann kommen Verstärkung und lautstarke Zeugen aus allen Himmelsrichtungen.
Ich sage euch:
Die organisierte Kriminalität hat Flügel bekommen – und sie kreischt.
Möwe Nummer 1: „Fischbrötchen gesichtet!
Möwe Nummer 2: „Wie groß?
Möwe Nummer 1: „Mit Zwiebeln!
Möwe Nummer 3: „Jungs, das wird ein Überfall. 
Anne Seltmann 29.08.2026, 10.43 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Ich habe neulich von einem Beruf gehört, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: Sternschnuppenfänger.
Sein Name ist Emil und jeden Abend, wenn die Stadt langsam zur Ruhe kommt, steigt er mit seinem goldenen Netz hinauf zu seiner kleinen Plattform über den Wolken. Dort wartet er auf die Sternschnuppen, die über den Nachthimmel sausen. Sobald eine besonders helle auftaucht, schwingt Emil sein Netz und – schwupp – schon verschwindet sie darin.
Die gefangenen Sternschnuppen bewahrt er in kleinen Glasgefäßen auf. Sie leuchten darin wie winzige Feuerwerke und hinterlassen goldene Lichtkringel an den Glaswänden. Wenn jemand auf der Erde einen ganz besonderen Wunsch hat, bringt Emil ihm eine davon. Er stellt das Glas heimlich ans Fenster, klopft dreimal und verschwindet wieder. Denn Emil weiß: Ein Wunsch funktioniert nur, wenn man ihn nicht beobachtet.
Eines Nachts aber fängt Emil eine ganz besondere Sternschnuppe. Kaum steckt er sie in ein Glas, beginnt dieses heftig zu zittern.
„Lass mich raus!, flüstert sie.
Emil staunt. „Du kannst sprechen?
„Natürlich, antwortet die Sternschnuppe. „Du fängst uns schließlich ständig ein. Da darf man doch wenigstens mal etwas sagen.
Emil hebt vorsichtig den Deckel. „Und was möchtest du?
„Nach Hause.
„Und wo ist das?
Die Sternschnuppe zeigt nach oben. „Dort, wo alle Wünsche anfangen.
Emil denkt kurz nach und lässt sie frei. Sie schießt hinauf in den Himmel, wird kleiner und kleiner und verschwindet schließlich zwischen den Sternen.
Doch bevor sie endgültig verschwindet, ruft sie ihm zu: „Du darfst dir auch etwas wünschen!
Emil schaut lange in den Himmel. Dann lächelt er und sagt: „Ich wünsche mir, dass niemals jemand aufhört, an Wunder zu glauben.
In diesem Moment fällt eine kleine Sternschnuppe direkt vor seine Füße.
Emil hebt sie auf. Sie ist warm und glitzert in seiner Hand.
Seit dieser Nacht ist Emil übrigens kein Sternschnuppenfänger mehr.
Er sammelt Wünsche.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 20.08.2026, 08.30 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

...aus Evas Garten
Es war einmal ein kleines Rotkehlchen, das sich Evas Garten als Zuhause ausgesucht hatte.
Eines Frühlingsmorgens saß es plötzlich auf einem moosbewachsenen Stein unter dem alten Kirschbaum. Es schaute sich neugierig um, zwitscherte ein paar helle Töne und begann, als hätte es nie woanders gelebt, den Garten zu erkunden.
Eva ließ es gewähren.
Sie sprach nicht mit ihm und lockte es auch nicht an. Sie beobachtete einfach nur. Vom Küchenfenster aus. Oder mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse.
Das Rotkehlchen hüpfte zwischen den Blumenbeeten umher, suchte nach kleinen Insekten, flatterte auf den Gartenzaun und verschwand manchmal für Stunden in den Hecken. Doch jeden Tag kam es wieder zurück.
Mit der Zeit kannte Eva seine Lieblingsplätze.
Den alten Apfelbaum.
Den flachen Stein am Teich.
Die Gießkanne, auf deren Rand es besonders gern saß.
Und das kleine Beet mit den Ringelblumen.
Im Frühsommer bemerkte sie, dass das Rotkehlchen nicht mehr allein unterwegs war.
Zwischen den Sträuchern tauchten plötzlich winzige Federbällchen auf. Die Jungvögel waren noch etwas tapsig unterwegs, flatterten unbeholfen hinter ihren Eltern her und schienen über alles zu staunen, was der Garten zu bieten hatte.
Von Jahr zu Jahr wiederholte sich dieses kleine Wunder.
Manchmal war es dasselbe Rotkehlchen.
Manchmal vielleicht eines seiner Jungen.
Eva wusste es nicht.
Aber sie freute sich jedes Mal aufs Neue, wenn im Frühjahr wieder ein Rotkehlchen auf dem Gartenzaun landete und den Tag mit seinem fröhlichen Gesang begrüßte.
Im Laufe der Jahre wurde ihr Garten zu einem kleinen Paradies.
Nicht nur Rotkehlchen fanden den Weg dorthin.
Auch Meisen, Amseln, Zaunkönige, Spatzen und Finken schienen sich dort wohlzufühlen. Zwischen den Blüten summten Hummeln und Bienen, Schmetterlinge tanzten durch die warme Luft, und manchmal huschte sogar ein Igel in der Abenddämmerung durch das hohe Gras.
Eva hatte nie versucht, die Natur festzuhalten.
Sie ließ sie einfach sein.
Vielleicht war es genau das, was die Tiere spürten.
Und so wurde ihr Garten Jahr für Jahr ein Ort, an dem immer wieder neues Leben einzog.
Wenn im Frühling das erste Rotkehlchen auf dem vertrauten Stein saß, lächelte Eva.
Sie wusste:
Die schönste Einladung an die Natur ist ein Garten, in dem sie willkommen ist.
Und manchmal genügt schon ein kleiner Vogel, um einen ganzen Garten mit Leben zu erfüllen.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 10.07.2026, 11.25 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Es war einmal ein Königreich, in dem sich die Zeiten geändert hatten. Natürlich gab es noch immer prachtvolle Bälle, funkelnde Kronen und prächtige Kutschen. Doch mindestens genauso wichtig waren inzwischen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und die Frage, ob man Dinge wirklich wegwerfen musste.
Und genau dort lebte Aschenputtel.
Die junge Frau, die einst Böden geschrubbt und die Erbsen aus der Asche gelesen hatte, war längst Königin geworden. Doch sie war keine Herrscherin, die den ganzen Tag auf einem goldenen Thron saß und sich Trauben reichen ließ. Nein, sie krempelte lieber die Ärmel hoch, ließ im Schloss Regenwasser sammeln, ersetzte Kerzen durch magische Energiesparlichter und gründete gemeinsam mit den königlichen Gärtnern das erste Umweltamt des Reiches.
Der Prinz schmunzelte oft darüber.
„Andere Königinnen sammeln Diamanten, sagte er.
„Ich sammle Ideen, antwortete Aschenputtel. „Die glitzern zwar weniger, halten aber länger.
Eines Frühlings beschloss sie, das Schloss gründlich auszumisten. Auf den Dachböden fanden sich verstaubte Ritterhelme, ein halber Drachenzahn, siebenunddreißig vergessene Teekannen und erstaunlich viele einzelne Socken. Während sie eine alte Truhe öffnete, blitzte plötzlich etwas zwischen vergilbten Ballprogrammen hervor.
Der verbliebene gläserne Schuh.
Aschenputtel hob ihn vorsichtig auf.
„Ach du meine Güte!
Der zweite Schuh war längst Geschichte. Der königliche Hofhund Bello hatte ihn vor Jahren für ein außergewöhnlich edles Kauspielzeug gehalten. Nach mehreren enthusiastischen Knabberattacken blieb davon leider nur glitzernder Glassand übrig.
Aschenputtel drehte den Schuh nachdenklich in den Händen.
„Was macht man bloß mit einem einzelnen Glasschuh?
Wegwerfen kam natürlich überhaupt nicht infrage. Schließlich predigte sie seit Jahren, dass jedes Ding eine zweite Chance verdiente.
Also setzte sie sich mit einer dampfenden Tasse Minztee an ihren Lieblingsplatz im Wintergarten. Sie kritzelte Entwürfe auf Pergament, verwarf sie wieder, zeichnete Blumenvasen, Kerzenhalter und Obstschalen.
Nichts überzeugte sie.
Bis ihr plötzlich ein Goldfisch aus dem Schlossbrunnen entgegenblinzelte.
„Natürlich!, rief sie so laut, dass selbst die Tauben vom Schlossturm erschrocken aufflatterten.
„Ein Aquarium!
Noch am selben Nachmittag herrschte geschäftiges Treiben. Die Hofglasbläser versiegelten den Schuh fachgerecht, die königlichen Tüftler bauten einen winzigen Filter ein, der mit Wasserkraft betrieben wurde, und der Hofgärtner setzte zarte Wasserpflanzen hinein. Schließlich zogen drei kleine Goldfische ein.
Sie bekamen selbstverständlich königliche Namen.
Sir Blubbington.
Lady Flosse.
Und Baron Goldglanz der Dritte.
Als das ungewöhnliche Kunstwerk im Schloss vorgestellt wurde, staunte der gesamte Hof.
„Ist das… wirklich ein Schuh?, fragte der Hofmarschall ungläubig.
„Ja, antwortete Aschenputtel stolz.
„Und darin… schwimmen Fische?
„Ganz richtig.
Der Prinz betrachtete das gläserne Meisterwerk von allen Seiten.
„Du hast also den berühmtesten Schuh der Märchengeschichte in ein Aquarium verwandelt?
Aschenputtel nickte.
„Warum denn nicht? Seine Tanzkarriere ist schließlich beendet.
Nach kurzem Nachdenken musste selbst der Prinz lachen.
„Eigentlich ist das genial.
Schon bald sprach sich die Nachricht im ganzen Königreich herum. Menschen reisten von weit her an, um den legendären Fischschuh zu bestaunen. Kinder drückten ihre Nasen an das Glas und winkten den Goldfischen zu. Alte Märchenerzähler behaupteten sogar, die kleinen Bewohner würden Walzer tanzen, sobald irgendwo im Schloss Musik erklang.
Ob das wirklich stimmte?
Nun, darüber waren sich die Gelehrten bis heute nicht einig.
Neben dem Aquarium entstand bald eine ganze Ausstellung ungewöhnlicher Upcycling-Ideen. Der Kürbis der guten Fee wurde nach seiner letzten Kutschfahrt zu einem solarbetriebenen Komposter umgebaut. Die Mäuse erhielten ein luxuriöses Käsehotel aus alten Kutschenrädern, und die gute Fee eröffnete einen Workshop mit dem Titel:
„Zaubern ist gut – Wiederverwenden ist besser.
Aschenputtel lächelte jedes Mal, wenn sie an ihrem Glasschuh vorbeikam.
Er hatte sie einst zu ihrem großen Glück geführt.
Jetzt zeigte er allen, dass selbst die schönsten Erinnerungen nicht in einer Vitrine verstauben müssen. Manchmal beginnt ihre eigentliche Geschichte erst dann, wenn man ihnen eine neue Aufgabe gibt.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schwimmen Sir Blubbington, Lady Flosse und Baron Goldglanz der Dritte noch heute fröhlich ihre Runden im wohl berühmtesten Aquarium der Märchenwelt – stilvoll, königlich und mit Brief und Siegel als das erste offiziell ausgezeichnete Cinderella-Recyclingprojekt des Reiches.

© Anne Seltmann
Anne Seltmann 09.07.2026, 09.42 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Ich bin Aurelia von Sturmfeder, Eule aus altem Adel – mit Federn so fein wie Samt und einem Schnabel, der schon so manches Geheimnis belauscht hat. Meine Vorfahren flogen nicht nur majestätisch durch die Nacht, sondern hatten auch immer ein Auge auf den richtigen Tee und die besten Mäusevorräte.
Ich selbst bevorzuge stilvolle Ausflüge, elegante Gesellschaft und die kleinen Freuden des Lebens. Ein Besuch in einer charmanten Boutique, ein Nachmittag in einem feinen Café oder ein ausgedehnter Bummel durch die Stadt bereiten mir weit mehr Vergnügen als jede königliche Verpflichtung.
Man sagt, ich sei höflich, anmutig und stets tadellos gekleidet. Das mag stimmen. Allerdings bin ich auch neugierig, gelegentlich ein wenig eigensinnig und niemals weit von einem kleinen Abenteuer entfernt. Denn hinter jeder Tür, jedem Schaufenster und jeder Begegnung könnte sich eine Geschichte verbergen, die es wert ist, erzählt zu werden.
Ich liebe schöne Hüte, gut gefüllte Teetassen, interessante Gespräche und Menschen mit Humor. Übertriebene Eile hingegen halte ich für eine höchst zweifelhafte Erfindung.
Willkommen in meiner Welt – einer Welt voller Charme, kleiner Entdeckungen, feiner Manieren und überraschender Augenblicke. Machen Sie es sich bequem, begleiten Sie mich ein Stück des Weges und vergessen Sie nicht: Das Leben ist viel zu kostbar, um daran vorbeizueilen.
Ihre
Gräfin Aurelia von Sturmfeder
© Gräfin Aurelia von Sturmfeder aka Anne Seltmann
Anne Seltmann 19.06.2026, 10.03 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL
Die Sache mit dem Flugzeug
„Ich war‘s nicht.
So begann die Geschichte.
Und genau das machte alle misstrauisch.
Niemand hatte die Katze überhaupt etwas gefragt.
Neben ihr stand ein kleines Holzflugzeug.
Auf dem Teppich lagen verstreut einige Bauklötze, ein Stoffhase ohne Ohr und ein Puppenschuh an einem Ort, an dem Puppenschuhe normalerweise nicht vorkommen.
„Was ist hier passiert?, fragte Svantje.
Die Katze blinzelte.
Einmal.
Langsam.
Unschuldig.
Sehr unschuldig.
Verdächtig unschuldig.
„Miau.
Das half ihrer Verteidigung nicht.
Denn die Erfahrung zeigte: Immer wenn irgendwo etwas umgefallen, verschwunden oder auf geheimnisvolle Weise den Standort gewechselt hatte, befand sich die Katze zufällig in unmittelbarer Nähe.
So auch heute.
Die Ermittlungen dauerten etwa fünf Minuten.
Dann stellte sich heraus, dass der kleine Bruder das Flugzeug selbst dort abgestellt hatte.
Die Katze war tatsächlich unschuldig.
Wie meistens.
Also zumindest häufiger, als ihr unterstellt wurde.
Den Rest des Tages lag sie neben dem Flugzeug und genoss ihren Freispruch.
Allerdings mit dem Gesichtsausdruck einer Katze, die genau weiß:
Morgen bietet sich bestimmt wieder eine Gelegenheit.

Anne Seltmann 17.06.2026, 11.21 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Das Krokodil mit den schlechten Manieren
Im Zoo gab es ein Krokodil namens Kurt.
Kurt hatte ein Problem.
Er grinste ständig.
Nicht, weil er besonders fröhlich war.
Nicht, weil er gute Witze kannte.
Er sah einfach immer so aus.
„Du musst freundlicher wirken, sagte der Pfleger.
„Ich wirke doch freundlich, antwortete Kurt.
„Nein, sagte der Pfleger. „Du wirkst, als würdest du überlegen, wen du als Nächstes verspeist.
Also besuchte Kurt einen Benimmkurs.
Dort lernte er:
höflich nicken,
anderen den Vortritt lassen,
und beim Smalltalk niemanden anzustarren.
Nach drei Wochen war er stolz auf seine Fortschritte.
Als eine Schulklasse vorbeikam, lächelte er besonders freundlich.
Die Kinder schrien.
Die Lehrerin schrie.
Der Hausmeister schrie vorsichtshalber mit.
Kurt seufzte.
„Das läuft nicht optimal.
Schließlich gab er auf und setzte sich wieder an seinen Teich.
Dort traf er eine alte Schildkröte.
„Weißt du, sagte sie, „manche Gesichter werden einfach missverstanden.
„Meins zum Beispiel?
„Genau. Und meins sieht aus, als würde ich seit 200 Jahren über Steuererklärungen nachdenken.
Da mussten beide lachen.
Zumindest glaubte die Schildkröte, dass Kurt lachte.
Bei Krokodilen weiß man das nie so genau.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 17.06.2026, 08.51 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Zwischen Flucht und Erkenntnis
Ich stand im Regen und spürte, wie mein Herz
schneller schlug als sonst.
Meine Schuhe waren noch staubig von der Straße, die ich vor
wenigen Minuten entlanggelaufen war.
Eigentlich wollte ich nur in die Stadt, ein klares Ziel vor
Augen, doch alles kam anders.
Das Gegenteil von dem, was ich geplant hatte, trat ein, und ich fand
mich plötzlich in einem seltsamen Hotel wieder.
Es fühlte sich fast wie eine Flucht an, obwohl ich gar nicht wusste,
wovor ich eigentlich davonlief.
Seit Jahren hatte ich solche Momente nicht mehr erlebt, und doch fühlte
sich alles vertraut an.
In den letzten Wochen hatte sich etwas in mir verändert, auch wenn ich
es nicht sofort benennen konnte.
Vielleicht lag es an der Ausstellung, die ich früher am Abend besucht
hatte.
Dort, auf dem Balkon in der Dunkelheit des alten Gebäudes, hatte
alles begonnen.
Ein kurzer Blick, ein Lächeln, und plötzlich war nichts mehr wie
zuvor.
Ich dachte, ich hätte das Gespräch unter Kontrolle, doch die Situation
entglitt mir schneller, als ich reagieren konnte.
Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass ich mich nicht länger verstecken
konnte.
Die Erkenntnis traf mich schließlich wie ein Blitz, als ich wieder im Regen
stand.
Manchmal führt uns genau das, wovor wir fliehen, direkt zu dem Ort, an dem wir
sein müssen.
Anne Seltmann 12.05.2026, 15.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Der große Wal glitt langsam durch das tiefe Blau des Meeres, ruhig und majestätisch, als trüge er die Gelassenheit aller Ozeane in sich. Um ihn herum wirbelten unzählige kleine Goldfische wie flüssiges Sonnenlicht durchs Wasser. Sie tanzten um den stillen Giganten, neugierig, verspielt und ohne Angst.
Der Wal schien ihre hastigen Bewegungen kaum wahrzunehmen. Mit jedem langsamen Schlag seiner mächtigen Fluke zog er weiter durch das endlose Blau, als kenne er Wege, die älter waren als jeder Sturm und tiefer als jede Erinnerung. Auf seinem Rücken glitten silberne Lichtreflexe wie wandernde Wolken über dunkles Gestein.
Die Goldfische dagegen waren reine Unruhe. Mal schossen sie wie goldene Pfeile auseinander, mal sammelten sie sich zu leuchtenden Schwärmen, die im Sonnenlicht funkelten wie verstreute Münzen auf dem Meeresgrund. Einige wagten sich dicht an das Auge des Wals heran, als wollten sie herausfinden, welche Geheimnisse sich darin verbargen.
Doch in diesem Auge lag keine Bedrohung. Nur Ruhe. Eine uralte, beinahe traurige Ruhe, wie sie nur Wesen kennen, die seit Jahrhunderten die Ozeane durchwandern.
Manchmal öffnete der Wal langsam sein riesiges Maul und ließ gewaltige Wasserströme an sich vorbeiziehen. Die kleinen Goldfische flohen dann erschrocken auseinander, kehrten aber kurz darauf wieder zurück, als hätten sie verstanden, dass dieser sanfte Riese keinem Lebewesen etwas zuleide tun wollte.
Über ihnen brach das Sonnenlicht durch die Wasseroberfläche und verwandelte das Meer in eine schimmernde Welt aus Blau, Türkis und Gold. Es war, als hätte die Stille selbst begonnen zu leuchten.
Und während der Wal weiter durch die Tiefe zog, folgten ihm die kleinen Goldfische wie tanzende Gedanken…leicht, flüchtig und voller Leben.
© Anne Seltmann
Anne Seltmann 08.05.2026, 10.07 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL